Abb. 3 Große Bogen der Müglitztalstraße zwischen Glashütte und Schüllermühle vom Hahneberg aus gesehen (Aufnahme von Max Nowack, Dresden)

1855 kam auch der gelbe Wagen ins Müglitztal. Sechs Reisenden gab er zur Mitfahrt Platz. Elf Neugroschen forderte der Postillon von jedem Fahrgast für die Strecke von Glashütte nach Mügeln. Die Boten, die ehedem »über die Berge« auf der Straße durch Lungwitz und Kreischa dreimal wöchentlich nach Dresden gingen, um im »Königlichen Hofpostamte« die »Glashütter Post« abzuholen, waren nun ihrer anstrengenden Märsche ledig. An den Dresdner Markttagen rollten auch dreispännig neunsitzige Wagen von Glashütte nach Mügeln. 1857 fuhr am 15. März zum erstenmal die Postkutsche von Glashütte nach Lauenstein. Sieben Neugroschen verlangte der »Schwager« für diese Fahrstrecke. Es waren reizbietende Fahrten für die Reisenden in einem Tale, darinnen die Straße gar oft zum Richtungswechsel (Abb. 3) gezwungen wird und in scharfen Bogen sich krümmt um arg zerfressene, jäh sich verstürzende Felsen; da im Hartung der Frost die felsenüberrieselnden Wasser fesselt, daß sie sich zu vielformigen Eismassen wandeln und die langen Eisstangen mit den wenigen Lichtboten der Wintersonne ein glitzerndes Farbenspiel treiben und der grimme Forstriese die Tröpfchen des flüssigen Elementes, die dem »Ursohn« in die feinsten Äderchen seines geschichteten Körpers dringen, in festen Stoff verwandelt, der das beengende Gehäus sprengt, an glutheißen Sommertagen Millionen anderer Äderchen geweitet werden und das Urgestein stetig zermürben; da Fels und Wurzel sich fest verbrüdern, so daß selten ein Baum vom Felsen nicht widerstand, wenn die baumfällenden Winterstürme ihre Kraft am heimischen Wald erproben; da in Gilbhardtstagen der große Farbenmeister seine kräftigsten Farben verschenkt und den Mischwald an den Talhängen in allen Farbenfeuern auflodern läßt. Sinnende Fahrgäste kamen zum Genuß dieser Talschönheiten, denn sie waren auf der wohlgebauten Müglitztalstraße nicht zu den Leiden verdammt, die Postreisende vergangener Jahrhunderte auf den schlechten Landstraßen erdulden mußten. An einem Nebelungsabend des Jahres 1890 war es, als die Posthalterei Glashütte zum letzten Male eine Fahrpost nach Mügeln und Geising abgehen ließ. Im Tale war die »eiserne Straße« fertig geworden, auf ihr fuhr das »Zügle« und übernahm die Postarbeit. Und mit der Talstraße laufen seit der letzten Jahrhundertwende noch viele metallne Wege parallel, in denen der Mensch mit »Blitzschrift« seine Gedanken talauf und talab jagt. Noch einmal lebte die Postkutschenzeit für kurze Zeit auf, als die niedergehenden Wasser im Heumond 1897 Straße, Brücken und Eisenbahn zerstörten. Nur »über die Berge« konnte der Wagen fahren: Glashütte–Kunnersdorf–Hausdorf–Maxen–Sürßen–Dohna–Mügeln. Nur Postsachen sollten auf diesen Fahrten mitgenommen werden. Doch der »Schwager« konnte die leeren Plätze in seinem Wagen nicht immer leiden und ließ sie durch manchen »blinden« Fahrgast besetzen (Abb. 4). Ja sogar »über den Berg« mußte er einige Tage fahren, um vom Hammergut Gleißberg im Müglitztale, wohin die Postsachen aus den »oberen« Orten gebracht wurden, nach dem zehn Minuten talab gelegenen Glashütte zu kommen, da die Talstraße auf dieser kurzen Strecke gerade nicht befahrbar war. Wenn wir uns auf dem Bilde den steilen, dazu überaus steinigten Weg zum Hahneberg hinauf anschauen und im Geiste sehen, wie die Pferde auf diesem jahrhundertalten Fußweg von Glashütte nach Johnsbach die Postkutsche aufwärts zerren, um aus dem Müglitztal ins Prießnitztal zu gelangen, dann wird uns einmal die große Verkehrshemmung bewußt, die jene gewaltige Wasserflut plötzlich brachte, zum andern auch ein schwaches Abbild dafür, welche Anstrengung zerfurchte und steile Hangwege vergangner Jahrhunderte für Fuhrmann und Zugtier brachten. Erst als das zerstörte Menschenwerk an Straße und Brücken im Tale wieder hergerichtet war, fuhr die Post »unten« und nahm auch Personen mit. Über zwei Monate flackerte »die alte Zeit« noch einmal auf, um dann für immer zu verlöschen. Im Herbstmond des Vorjahres trat auch der Postwagenführer jener Tage heraus aus unsrer Zeit. Nur die Postmeilensäule an der Müglitztalstraße weckt zuweilen die Erinnerung an die ehemaligen Verkehrsverhältnisse. Ursprünglich stand die Säule mitten in der Stadt, wie aus einer Urkunde vom Jahre 1764 hervorgeht (Abb. 5).

Abb. 4 Alter Weg von Glashütte nach Johnsbach über den Hahneberg vom »Kanzelfelsen« aus gesehen (Aufnahme von Max Nowack, Dresden)

Gegenwärtig sind Holzstoff-, Rinden-, Heu- und Brotwagen eigenartige Fuhrwerke fürs Müglitztal. Seit dem Kriege kam, wie überall, das Lastauto hinzu.

Abb. 5 Postmeilensäule in Glashütte (Nach einem alten Negativ)

Abb. 6. Wie Tuchballen wird der Holzstoff gerollt. Hochaufgeschichtet lagert er auf dem Wagen, der nach dem Bahnhof Glashütte fährt. Seitdem Friedrich Gottlob Keller die Holzstoffpapierbereitung erfunden hatte, wandelte mancher Kleinmüller des Tales seine Mahlmühle in eine Holzschleiferei um. Schleifmühlen waren diese Betriebe, denn das Mühlrad bedeutete für sie das Lebensrad. Als aber auf der »eisernen Straße« die Kohle ins Tal gebracht wurde, da bekam das Wasser im Dampf einen gewaltigen Gehilfen, der ihm im trocknen Sommer und kalten Winter die Arbeit abnahm, lange Hauptantriebskraft blieb, bis in unsren Tagen die »über Land gejagte Kraft« den Dampf abzulösen beginnt. Die Eisenbahn ist auch der Grund dafür, daß der Wanderer ganz selten einem Holzstoffuhrwerk auf der siebenstündigen Talwanderung von Mügeln (Heidenau) bis Geising begegnet, da Gleisanschluß den Eisenbahnwagen bis in den Hofraum der Fabrik fahren läßt und hier die Erzeugnisse sogleich hineingeladen werden. Nur auf dem kurzen Wegstück von Glashütte bis Bärenhecke wird es möglich sein, ein Fuhrwerk mit den gelblichen, feuchten Holzstoffballen zu sehen. Die Fahrt zum Bahnhof geschieht aber nicht an jedem Tage.