»Ich, Janko, wurde geboren im Frühjahr 1922 als das erste von vier Geschwistern im Neste auf der neugedeckten Scheune meines Pflegevaters Trähne. Anfangs ging alles gut. Aber von einem unverständigen Schießer wurde meine Mutter weggeschossen. Mein Vater konnte allein nicht mehr Nahrung für vier hungrige Schnäbel schaffen. Das Geklapper dreier Schnäbel verstummte. Auch meines wurde schwächer und schwächer. Schließlich blieb auch der Vater weg. In der höchsten Not schob sich eine Leiterspitze über den Nestrand. Eine Hand warf meine drei verhungerten Geschwister auf den Dung. Mich nahm sie behutsam zur Erde hinab. Ich wurde gekröpft, geazt, gefüttert mit Kaulquappen, Fröschen, Schlangen, Fischen, Mäusen u. dgl. Alles ist mir gut bekommen. Nur an Heringen vergreife ich mich nicht wieder. Ich bekam davon nicht nur einen gewaltigen Durst, sondern sogar recht schlimme Magen- und Darmbeschwerden. Jetzt sorgt das ganze Dorf vom jüngsten Buben bis zum ältesten Mütterlein für mich. Hunger habe ich einen ganz vorzüglichen. An die sechzig Frösche kann ich verdrücken. Hinaus mag ich nicht gern. Ich bin bei meinen Storchgenossen nicht gut angeschrieben. Also bleibe ich, wo ich bin. Ich verstehe nur nicht, warum meine Pflegeeltern so oft zu mir sagen: ›Janko, Janko! Was machen wir nur mit dir? Der Herbst rückt immer näher, nach ihm der Winter.‹ Neulich wurde die Sache ganz dumm. Da hieß es: ›Janko, entweder du gewöhnst dich an Kartoffeln mit Apern, oder du mußt nach Dresden in den zoologischen Garten!‹ Beides ist so ganz und gar nicht nach meinem Geschmack. Ich werde lieber abrücken. Und du siehst mir gerade aus, als wolltest du mich vierter Klasse nach Dresden bugsieren. Daraus wird nichts. Nichts für ungut. Gehab dich wohl!« Sprach’s, drehte mir den Rücken zu und stelzte davon.
Er hat auch Wort gehalten. Er fühlte die Kraft seiner Schwingen, lernte sie gebrauchen, zog immer weitere Kreise bei seinen Ausflügen und fand den Anschluß nach dem Süden. Zuvor ward sein Fuß mit einem Ringlein geschmückt.
Vor Ostern dieses Jahres war ich wieder in Krinitz. Die Jugend hatte einen Storchenposten auf den Wiesen gesehen. Sofort erscholl der Ruf: Unser Janko ist wieder da! Von Mund zu Mund ging das Wort. Aber es war kein Janko. Seine Pflegeeltern fragen sich angesichts des Nestes: »Ob er wohl wiederkehren wird?« Hoffentlich kommt er wieder, damit ich noch mehr von ihm erzählen kann. Ich muß ganz offen gestehen, daß mein erster Blick bei Postsachen danach geht, ob eine Nachricht aus Krinitz mir Jankos Wiederkehr meldet.
Liebe Brüder und Schwestern! Das wäre eine Tiergeschichte, wie Ihr sie vielleicht auch in ähnlicher Art selbst erlebt habt. Aber mein Gewinn? Das ist die Bekanntschaft der Pflegeeltern unsres Jankos. Es sind einfache Leute. Aber sie haben einen Idealismus, der nicht häufig anzutreffen ist. Sie reden nicht von Heimat- und Naturschutz, fragen nicht danach, ob das jetzt Mode, ob dabei irgendwelcher Vorteil zu erlangen sei, aber sie handeln aus innerem Triebe heraus für Heimat- und Naturschutz. Aus ihrem Tun spricht eine Selbstverständlichkeit, die rührend ist. Beim Umdecken der Scheune wurde es für ganz selbstverständlich angesehen, daß auf das neue Dach auch wieder ein neues Rad als Unterlage für das Storchnest kommen müsse. Von den dadurch entstandenen hohen Kosten konnte ich von ihnen nichts erfahren, nur von anderer Seite habe ich einige Zahlen zu hören bekommen.
Und wenn Eure Augen auf diesem Hofe die Reihe der besetzten Schwalbennester erblicken, ferner die Schar der ungebetenen Spatzen, die sich als Untermieter unterm Storchnest eingenistet haben, dann die zwei Störche, die als zweite Mieter das verlassene Nest bezogen haben, sich aber auch furchtlos auf dem Hofe bewegen, wenn endlich die Hausfrau noch zeigt, wie ein kleines Maikätzchen darum betteln kann, daß ihm aus einer kleinen Puppenmilchflasche Milch durch den Gummisauger gegeben werden möchte, wenn Ihr schließlich Gelegenheit habt, solche Beispiele praktischen Naturschutzes nicht nur als einen vereinzelten Fall, sondern als verhältnismäßig oft wiederkehrend in den Kreisen der ländlichen Bevölkerung ansprechen zu können, dann müßt Ihr alle glauben an den endlichen Sieg des Heimat- und Naturschutzgedankens und Euch geloben, dafür auch weiterhin Kraft, Zeit und Kosten zu opfern. So ist es mir gegangen. Dieser Aufschwung meiner Begeisterung ist mein Gewinn. Den sollt Ihr teilen mit Eurem
Lucas Karl aus Meißen.
Holznot und Waldesschönheit[1]
Von Forstmeister Otto Feucht
Jeder spürt es am eignen Leibe, wie ungenügend die Holzversorgung ist – trotz den wahnsinnigsten Preisen. Das Baugeschäft liegt still, das einfachste Holzgerät ist kaum mehr erschwinglich, alle Zeitungen klagen über den Mangel an Papierholz, und das Brennholz will erst recht nirgends ausreichen. Früher brauchte sich doch niemand besondre Sorgen zu machen, wie er seinen mittelbaren und unmittelbaren Holzbedarf decke. Warum ist das heute so ganz anders, obwohl doch der Wald eine der wenigen Rohstoffquellen ist, die uns der »Friedensvertrag« gelassen hat? Ist wirklich nur der Waldbesitzer schuld an der Not, der mit dem Einschlag zurückhält, um höhere Preise zu erzielen?
Dieser Vorwurf, der selbst in ernst zu nehmenden Kundgebungen immer wieder in der Öffentlichkeit auftaucht, zeigt aufs deutlichste, wie wenig die Bedeutung des Waldes für die deutsche Volkswirtschaft, wie wenig die Forstwirtschaft nach Wesen und Eigenart richtig erkannt wird. Trotz aller Liebe zum deutschen Wald, oder vielleicht auch gerade deshalb, weil vielen von uns der Gedanke noch ganz ungewohnt ist, den Wald nicht bloß ideell zu werten, denken wir nicht darüber nach, was der Wald als Ort der Erzeugung von Rohstoffen für uns ist, was er leisten und was er nicht leisten kann.