Regelmäßig fährt seit ungefähr einem Jahr ein neues Botenfuhrwerk im Tale, das »Tänzlerauto«. Es kommt aus Dresden und bringt Kisten und Säcke mit Lebensmitteln zu den Kaufleuten, Messing und Eisenstangen in die mechanischen Werkstätten. Vor dem Laden des Ofensetzers werden Ofenkacheln, Ofentüren, Ofenroste und auch eiserne Öfen abgeladen. Auch mit Bierfässern, Benzinkannen, Leiterwagen, Nähmaschinen, Fahrrädern, Möbelstücken und vielen anderen schweren Lasten eilt das neue Botenfuhrwerk zu Berg und zu Tal. Montag, Mittwoch und Freitag sind seine Fahrtage. Auch mit »Anhänger« fährt es seit einiger Zeit. Recht müssen wir dem alten Fuhrmann geben, wenn er uns erzählt, daß seine Gäule einst leichtes Ziehen auf der glatten Fahrbahn der Müglitztalstraße hatten, sich in unsern Tagen aber tüchtig mühen müssen, um die gleiche Last fortzubewegen, denn arg zerfahren wird die Straße von den mancherlei Kraftfahrzeugen.

(Abb. 9.) Will der Heimatfreund noch einmal einen leisen Nachklang an die Einsamkeit des »Mogelicztales« empfinden, so macht er sich zum Gast der Seitentäler, da auch zerfressene Felsen zum Bache treten und Geröll und Blockwerk das Wasser zwingt vom schnellen Lauf ein wenig auszuruhen oder über sich dahinschießen läßt zu kleinem Fall und kreisendem Wirbel. Da wohlgewachsene Baumgestalten die Hänge hinabsteigen und im munter lärmenden Bach ihre Wurzeln baden. Da er den eigenen Reiz der Waldbachpflanzen spürt, als Vogelfreund zuweilen noch den Eisvogel beim Fischen belauschen kann und zuletzt auf sumpfigen Quellwiesen anlangt, wandert er dem Wasser entgegen. Trebnitzgrund, Kohlbachtal, möge euch im Zeitenlauf noch lange eure Schönheit und Stille bewahrt bleiben, kommenden Geschlechtern zu körperlicher und geistiger Gesundung!

Janko

Liebe Brüder und Schwestern vom Heimatschutz!

Laßt mich heute mit Euch einen Gewinn teilen, der mir geworden ist! Wenn Ihr dabei denkt, ich hätte in der Staatslotterie gewonnen, dann seid Ihr auf dem Holzwege; denn das ist mir seit zwanzig Jahren noch nicht einmal geschehen, obwohl ich eine Nummer spiele, die meinem verstorbenen Vater als Gesangbuchslied im Traume eingekommen ist. Aber vernehmt meine Geschichte und schreibt wieder, ob mein Gewinn nicht auch des Teilens wert sei.

Im vorigen Sommer unternehme ich eine Ausfahrt ins Storchenland und komme da am Nordostrande unsres Sachsenlandes in so manches Dorf, das leider nur noch kümmerliche Spuren ehemaliger Storchenherrlichkeit aufweist. Bedauerlich ist es ganz besonders, daß für diesen Niedergang auch die Unvernunft so mancher Krone der Schöpfung verantwortlich ist.

Doch hört: In der Woche vom 20. August erhalte ich von einwandfreier und zuverlässiger Storchenseite die bestimmte Nachricht: Wir machen uns auf die Flügel (ein Storch kann nicht gut sagen: wir machen uns auf die Beine oder auf die Socken). Darum losgeradelt.

In den Teichen von Königswartha sehe ich manch stimmungsvolles Storchenbild. Schade, daß ich kein Herr Bernhardt aus Dresden bin, der mit Kamera und Film arbeitet. Es wären herzerquickende Bilder geworden. In der Woche vorher muß es im Orte noch schöner ausgesehen haben. Da haben sich etwa fünfzig Störche vor der Abreise gegen Abend auf Essen, Türmen und auf allem, was sonst noch an hervorragenden Gebäudeteilen aufzutreiben war, niedergelassen, um der Nachtruhe zu pflegen.

Jetzt nach Krinitz bei Neschwitz! Dort lerne ich den Janko kennen. Ihr hättet einen Heidenspaß gehabt, wenn Ihr dabeigewesen wäret, wie er mir vorgestellt wurde. Auf dem Scheunendache des Storchenvaters Trähne klappern im Neste zwei Störche. Unten auf der Düngerstätte liegt auch einer im schönsten Nichtstun. Er hat sich schön bequem ausgestreckt und nimmt ein Sonnenbad. Um ihn her Hühner, Tauben, Gänse, Spatzen, Schwalben, ab- und zugehende Menschen, die der Erntearbeit obliegen. Er mag denken: Ich bin Herr im Hofe. Euch kenne ich alle.

Beim Öffnen des niedrigen Hofgatters hebt er den Kopf und blinzelt mich an. Ich komme ihm näher. Da läßt er ein eigentümlich ziehendes Pfeifen hören. Vater Trähne kommt, nimmt einen kleinen blauen Krug zur Hand, klappert darauf und ruft: Janko. Sofort ist Janko, das ist nämlich der Storchenjüngling, auf den Beinen und mit zwei bis drei Gleitsprüngen steht er vor uns. Mich beachtet er zunächst gar nicht. Ich bin ja auch nicht seinesgleichen, auch nicht einmal ein Frosch. Der Krug ist ihm wichtiger. Sicher fährt sein Schnabel bis auf den Krugboden hinab. Nichts darin, völlig leer! Er pfeift wieder, aber diesmal mit einem etwas ärgerlichen Klang, aus dem auch so etwas wie Enttäuschung zu hören ist. Dann aber verlegt er sich auf gütliches Zureden. Er stellt sich gerade, guckt uns an, verbeugt sich ein über das andre Mal, wobei er streng darauf achtet, daß keiner von uns beiden zu kurz kommt. Dann ein Appell an das Gefühl. Er schreitet auf uns zu, legt seinen Hals an unsre Beine und läßt sich graulen. Wieder geht das Hoftor. Zwei Jungen haben auf den Schwarzwasserwiesen einen Frosch gefangen. Janko kennt seine Lieferanten ganz genau. Schon steht er vor den Jungen und nimmt unter Verbeugungen die Gabe in den Schnabel. Gravitätisch stolziert er vor mir auf und ab. Ich versuche sein Zutrauen zu gewinnen, indem ich ihn im schönsten Hochdeutsch einmal Johann, dann Johannes, Johannchen, Johanneschen, Hans und Hänschen rufe. Er achtet meiner nicht. Ihn muß ich wendisch anreden. Auf Janko hört er sofort. Als ich ihm meinen Ausweis vorzeige, wird er gesprächig und erzählt mir: