Der Novemberwind blättert rauh im Efeu. Er weht über die Gräber und zaust die raschelnden Papierblumen des Totensonntags. Aus seinem Geflüster um die Hügel der Dahingesunkenen spricht die Mahnung der Toten:

Was ihr seid, das waren wir,

Was wir sind, das werdet ihr!

Wir wissen es. Und weil wir es wissen und weil einmal der Tag kommt, an dem wir nicht mehr ausweichen können, wollen wir still die Toten grüßen und hingehen und das Leben lieben und bejahen und uns des Lebens, des Daseins freuen und vorwärtsgehen, auf und ab über Sieg und Niederlage vorwärts bis zum letzten Schritt im letzten Reigen.

Herbst

Wanderung von Bienhof nach Gottleuba

Von Prof. Dr. Arno Naumann

Endlich wieder einmal einige von der Alltagsbürde freie Wandertage! Die Wahl des Zieles ist für mich nicht schwer, hat mir doch der Heimatschutz eine herrliche Unterkunft in unserm Bienhof gewährt! Also auf, dahin! Und wenn auch der Zug erst in der herbstlichen Dämmerung in Gottleuba einfährt. Von dort ist’s ja für den rüstigen Wanderer nur eine gute Stunde, allerdings mitten durch den abendlichen Wald. Am Schlusse taste ich mich nur noch durch den hohen Fichtenwald, aber ich erreiche unser liebes Heim, ohne mich im Nachtdunkel zu verirren.

Bald umfängt mich in Zimmer Nr. 3, welches dem Heimatschutzdienst geweiht ist, eine freundliche Behaglichkeit und recht bald eine wohlige Müdigkeit. Noch im Entschlummern höre ich das klagende »Komm’ mit, komm’ mit« der in dem nahen Gutsgebäude hausenden Käuzlein. Im Volksglauben bedeutet dies das baldige Sterben eines Lieben; vielleicht als Nachklang germanischer Heidenzeit. Und wahrlich! Als ich am andern Morgen hinausschaute auf Wiese und Wald, da wußte ich, wem das »Komm’ mit!« gegolten hatte: Die Natur lag im Sterben, es war Herbst geworden. Aber als Abschiedsgruß will sie noch einmal aufleuchten in herrlichem Farbenbunt, das durch Morgennebel und dampfenden Wald zu mir herüberglänzt. Ich will diesen Scheidegruß genießen auf kurzer, aber inhaltsreicher Wanderung vom einsamen Bienhof zum betriebsamen Bad Gottleuba. Noch erfreuen späte Blüten das Auge. Unten auf feuchter Wiese sind’s Distelarten: »Kohl- und Sumpfdistel«, welche mit der unterseits silberblättrigen Alantdistel allerlei blühende Bastarde gezeugt haben. Gleich hinterm Heimatschutzhaus auf steilem Wiesenweg nach Oelsen ist eine Weidekoppel. Die wogenden Halme der Gräser mit ihrem schmückenden Blumenwerk sind gemäht, aber noch finden sich als Zeugen ungehemmter Werdekraft die purpurblütigen Büsche der Perückenflockenblume mit den gelbblühenden Familienverwandten der Habichtskräuter, der Goldrute und des sternblütigen Hainkreuzkrautes, das gleich Blitzähren das nahe Strauchwerk durchleuchtet. Der Herbstlöwenzahn reckt seinen Blütenkopf empor, während der Frühlingslöwenzahn, die »Maiblume« der Dresdner, schon zum zweitenmal verblüht, seine Laternen zum Ausblasen der Flugfrüchte darbietet. Die Blütensterne der Wucherblume und die weißen Doldenschirme des Bibernells locken die letzten Herbstbummler der Insektenwelt, während Augentrostarten[1] mit ihrer Blütenlieblichkeit sich bescheiden in die wiederaufsprossenden Gräser ducken. Hie und da zeigt sich ein Trupp weißblühenden Labkrautes. Die Glockenblumen, zumal die dunkelblauen, läuten den Sommer aus, und auf flachgründigem, daher trockenem Gelände glänzen zahlreich die Goldsterne des Jakobskrautes. Dazwischen heben sich über die Grasnarbe gleich feinem dunkelgrünen Federwerk die aromatischen Büsche der Bärwurz, des Keppernickels unsrer Gebirgler. Hie und da hat es noch eine Herbstdolde angesetzt, aber einzelne Blätter leuchten schon im herbstlichen Zitronengelb oder Goldbraun. Auf nahen Brachfeldern blühen noch wilde Möhre, die lilaköpfige Knautie, der löwenmaulähnliche Frauenflachs, die drüsige Gänsedistel, und als Dauerschmuck des Jahres die allbeliebte Kornblume.

Vom Nahen schweift unser Blick ins Ferne: Eine laubholzbewachsene Steinrücke zieht durch ihr köstliches Bunt unsre Blicke auf sich. Der Spitzahorn hat ein goldenes, ins Orange spielendes Herbstkleid angezogen, dazwischen blitzt das Zitronengelb der Birke und das Rotorange der Eberesche, während die Edelesche, das Weltbild unsrer germanischen Altvordern, noch in unbezwungenem Grün prangt. Des Herbstes Farben sind an trockenen und sonnigen Standorten am frühesten zu spüren: die tief im feuchten Grunde verankerte Esche erhält sich daher noch lange frisch. Der Haselbusch gilbt bereits an den Blatträndern, um später im Schmucke braunen Altgoldes dazustehen. An der Steinrücke selbst locken uns blaubereifte Schlehenfrüchte, scharlachrote Hagebutten und schwarzglänzende Brombeeren. Nahe dem wintergrünen, wasserlaufdurchrauschten Fichtenwald hat der glasfrüchtige Schneeball, die »Glosbär« der Einheimischen, sein Laub dunkelweinrot gefärbt, und am Waldeseingang steht als seltene Erscheinung ein schwarzfrüchtiger Kreuzdorn mit noch völlig grünem Blattwerk. Überhaupt hat im Schattenschutz und in der Feuchtkühle des Nadelwaldes die Herbstfärbung nur zögernd eingesetzt, höchstens die Heidelbeerbüsche bringen mit ihrem Mennigrot eine farbige Note in die grüne Eintönigkeit. Doch halt! Hier leuchtet das Fahlgelb des Waldschachtelhalmes und, weißverbleichend, schieben sich Farnwedel dazwischen, und noch entringt sich der Nadelstreu des Waldes ein Heer bunter Gesellen: Die Hutpilze, welche gar lange gezögert, haben sich von der günstigen Herbstwitterung gelockt, emporgedrängt. Rote, gelbe, lilae und grüne Täublinge, kupferfarbene Perlschwämme, braune, weißgetupfte Pantherpilze, formenschöne Scheidenwulstlinge, rotbraune Milchlinge, büschelige Schwefelköpfe beleben das Schwarzbraun des Waldbodens. Am Wasserlauf aber, der seinen Randgewächsen noch immer Nahrung spendet, zeigt sich die blaue Spätblüte des Sturmhutes neben dem hellroten Rupprechtskraut und der Sterndolde der Astrantia; am Wegrande erweisen noch Waldsilche und Sitter[2] ihre späte Blühfähigkeit. Durch das Dunkelblutrot ihres Blattwerkes locken in Menge würzige Brombeeren; gerade recht für ein leckeres Frühmahl.