Von E. Mogk
Eine Hochzeit nannte Oskar Seyffert auf der letzten Tagung des Vereins für Sächsische Volkskunde dessen Vereinigung mit dem Heimatschutz. Ja, eine Vermählung war es, keine Totenfeier für die Volkskunde. Die Volkskunde will und wird auch unter und mit dem Heimatschutz weiter arbeiten und weder ihr wissenschaftliches noch ihr praktisches Ziel aus dem Auge lassen. Das Museum wird auch fernerhin zur Belehrung unsers Volkes und zur Anregung volkstümlicher Kunsterzeugnisse dienen und Archiv und Bibliothek werden auch in Zukunft eine Sammelstätte unsers Volkstums für die Gegenwart und Zukunft sein. Die Schale ist eine andre, der Kern ist geblieben. Volkskundliche Aufsätze werden in der Zeitschrift des Heimatschutzes erscheinen wie bisher in unsern Mitteilungen. Nur bitten wir, was für diese bestimmt ist, in möglichst allgemeinverständlicher Form zu verfassen. Sammlungen volkskundlichen Materials aber sollen nach wie vor dem Archiv einverleibt werden. Und wie die früheren Beiträge, so sind auch diese wie bisher an meine Adresse zu senden (Prof. Dr. E. Mogk, Leipzig, Salomonstraße 25B). Dasselbe gilt von den Austauschexemplaren, für die die Vereine und Gesellschaften, mit denen wir als Verein für Volkskunde in Verbindung standen, die Monatshefte des Heimatschutzes erhalten werden. Wir bitten diese wie unsre alten Mitarbeiter auch nach unsrer Vermählung uns treu zu bleiben; beide werden bald sehen, daß sie den Kürzeren nicht ziehen.
So schwer die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse, die uns zu dieser Verbindung gezwungen haben, unser armes Volk drücken, die Liebe zu unsrer Heimat und zu unserm Volkstum kann und wird man nicht ertöten. Das beweisen zahlreiche Veröffentlichungen, verschiedene neue Vereine für Volkskunde und Volkstum, die seit den grauen Tagen des Novembers 1918 das Licht der Welt erblickt haben. Sie alle wollen uns von der elenden Hast nach Geld und Gewinn und dem phrasengeschwollenen Internationalismus ablenken und hinführen auf den gesunden Kern unsers Volkes, von dem wir allein Rettung aus dem Wirrwarr der Zeit zu erhoffen haben. Noch besteht der Verband Deutscher Vereine für Volkskunde. In seinem Auftrage hat E. Hoffmann-Krayer die volkskundlichen Bibliographien für 1918 und 1919 herausgegeben, die einen Einblick in die intensive Tätigkeit auf volkskundlichem Gebiete geben. Die Sammlung von Volksliedern wird in aller Stille in den einzelnen deutschen Ländern fortgesetzt. Neue Mittelpunkte und Sammelstätten entstehen. So an der Universität Halle das Volksliedarchiv der Provinz Sachsen; der Leiter dieser, Prof. Voretzsch, hat diesem lokalen Gebiet einen anregenden Aufsatz im Halleschen Heimatkalender gewidmet. Neue Vereine und Zeitschriften sind ins Leben getreten, durch die die Liebe zur Heimat gepflegt und zu volkskundlicher Beschäftigung angeregt werden soll. So erscheint seit 1923 die Niederdeutsche Zeitschrift für Volkskunde unter der trefflichen, zielbewußten Leitung E. Grohnes in Hamburg, in Göttingen gibt B. Crome den Wanderer im Cheruskerlande heraus, der die eingegangenen Göttinger Blätter für Geschichte und Heimatkunde ersetzen soll und das Gebiet vom Harz bis zur Weser umspannt. Alle deutschen Tiroler will über ihr Volkstum aufklären und für dieses wecken die von der Verlagsanstalt Tirolia in Innsbruck herausgegebene Tiroler Heimat, deren Aufsätze ebenso gründlich wie lehrreich sind. Ganz besonders in den alten österreichischen Ländern wird sich der Deutsche immermehr der Wurzeln seiner Kraft, seines Volkstums bewußt. Um das Deutschtum gegen das vordringende Tschechentum im Böhmerwaldgebiete zu schützen, erschienen unter Dr. Kubitscheks Leitung seit 1919 die Böhmerwäldler Dorfbücher in Budweis, seit 1922 die Böhmerwäldler Volksbücher in Passau. Hierin sind die Hinschauerstücklein ein treffliches Gegenstück zu den Schildbürgersagen, Watzliks Böhmerwald-Sagen zeugen von dem Reichtum der Volkssagen, die hier noch fortleben, Kubitscheks Bauernrätsel vom Volkswitz, Leppas Kornsegen von der Gemütstiefe und Sprache des Böhmerwäldlers. Aus dem östlichen Böhmen, dem Leitmeritzer Gaue, veröffentlicht J. Kern eine stattliche Anzahl lokaler und geschichtlicher Sagen aus dem Volksmunde und älteren schriftlichen Quellen, die unsre Sagenkunde nicht unwesentlich erweitern (Reichenberg 1922, Sudetendeutscher Verlag F. Kraus). In Sachsen hat sich besonders die Oberlausitzer Heimatzeitung (Reichenau in Sachsen, A. Marx) der Veröffentlichung volkskundlichen Stoffes aus der Oberlausitz angenommen. In ihrem Verlage gab G. Schöne das Sagenbuch des Zittauer Gebirges und die Oybin-Sagen heraus, die bisher ziemlich zerstreut in älteren Sammlungen oder Lokalblättern veröffentlicht waren. Das Leben und Treiben des Erzgebirglers hat in H. Thümmlers Verlag in Chemnitz eine Pflegstätte gefunden. Bilder aus dem Erzgebirge sind hier bald in schlichter Prosa, bald als Gedichte erschienen, meist im Dialekt. So veröffentlichte Emil Müller »Mei liebes Aarzgebärg« und »E Sackel voll Schwamme«, M. Wenzel, »Pfaffernüsseln«, worin der trockne Humor, aber auch das tiefe Gemüt des Erzgebirglers trefflich zutage tritt. In letzterem Heftchen liefert Wenzel in der Schilderung der Herbstbräuche und des Johanniszaubers auch gute Beiträge zu Sitte und Brauch. Als besondere Leistung desselben Verfassers seien die »Erzgebirgischen Christ- und Mettenspiele« hervorgehoben, worin er nicht nur die zerstreut veröffentlichten Weihnachtsspiele des Erzgebirges sammelt und ihrer Geschichte nachgeht, sondern auch auf Grund alter Volksüberlieferungen einen recht ansprechenden Text zusammenstellt, der sich besonders zu volkstümlichen Aufführungen eignet.
In Südwestdeutschland ist vor allem der Landesverein »Badische Heimat« bemüht, die Liebe zur Heimat zu pflegen, das Land vor Verschandlung zu schützen und Interesse für Volkskunde zu wecken. Seine bilderreichen Zeitschriften »Badische Heimat« und »Mein Heimatland« trotzen der Not der Zeit. Ihnen gesellen sich die Heimatschutzblätter »Vom Bodensee zum Main« unter M. Wingeroths trefflicher Leitung, unter denen vor allem die anregenden Artikel E. Fehrles »Heimat und Volkskunde in der Schule« und K. Günthers »Heimat- und Naturkunde in der Schule« hervorgehoben seien. In Westdeutschland ist Rektor K. Wehrhan eifrigst bemüht, volkskundlichen Stoff in den Dienst der Jugenderziehung zu stellen. Das von ihm und J. Dillmann herausgegebene Heftchen »Vierzehn Engel fahren« enthält eine Sammlung von Reimen im Kinderspiel, Jugendspiele, Rätsel und Rätselfragen. Die Sagen, die sich an die berühmten Externsteine knüpfen, veröffentlicht Wehrhan mit einer Schilderung der Externsteine und einer Geschichte der Forschung, die deren Bedeutung aufklären soll. (»Die Externsteine im Teutoburger Walde in Natur, Kunst, Dichtung. Geschichte und Volkssage«. Detmold, Meyersche Hofbuchhandlung.) Besonders tiefschürfend sind seine Untersuchungen des in Niederdeutschland weitverbreiteten Volksliedes »Van Herrn Pastor siene Koh«, dessen Entwicklung, Verbreitung, Form und Singweise nach allen Richtungen hin verfolgt wird und dessen Heimat aller Wahrscheinlichkeit nach Westfalen ist.
Dem niederdeutschen Kreis gehört auch der erste Band »Deutsche Volkskunst« an, das schöne Werk W. Peßlers »Niedersachsen«. Es ist ein gewagtes Unternehmen, das der Reichskunstwart E. Redslob leitet, in einer Reihe Bänden die Volkskunst der einzelnen deutschen Stämme darstellen zu lassen und unser Volk auf die Gestaltungskraft, die aus ihr spricht, wieder zurückzuführen. Hier konnte kein Besserer als Peßler die Reihe eröffnen: in klaren Ausführungen charakterisiert er die vorzüglichen Bilder vom Haus, Hausrat, Tracht, Schmuck, Kirche und Friedhof des niedersächsischen Kreises. Ihm schließt sich als gleichwertig an E. Schoneweg »Das Leinengewerbe in der Grafschaft Ravensberg« (Bielefeld, E. Gundlach Aktiengesellschaft). Hier wird die Entwicklung und Geschichte eines Handwerks, alles was mit dem Flachs und der Verwendung der Leinwand zusammenhängt, in Wort und Bild bis ins einzelnste dargestellt. Der Technik des Leinengewerbes wird nach den Berichten alter Leute und älteren Quellen ebenso Rechnung getragen, wie den Sitten und Bräuchen mit ihrem Volksglauben, die sich an Aussaat und Verarbeitung des Flachses und Hanfes knüpfen. Ein klassisches Werk für die Geschichte eines Handwerks.
Von zusammenfassenden Darstellungen der Volkskunde besaßen wir bis 1914 ein einziges Werk, E. H. Meyers Deutsche Volkskunde. Jetzt sind sie wie die Pilze emporgeschossen, ein Zeugnis für das hohe Interesse, das man der Volkskunde entgegenbringt. Unter der Leitung des geschäftskundigen Fr. v. d. Leyen erscheinen bei Quelle und Meyer in Leipzig Darstellungen der einzelnen deutschen Stämme mit guten Bildern. Bisher hat A. Wrede die Rheinische Volkskunde herausgegeben, die zwar schon in zweiter Auflage vorliegt, der man aber doch anmerkt, daß ihr Verfasser in der volkskundlichen Forschung nicht aufgewachsen ist. Das Buch ist mehr ein fleißiges Sammelsurium als eine entwicklungsgeschichtliche Arbeit. Ungleich besser und tiefer ist P. Sartoris Westfälische Volkskunde. In demselben Verlage, aber in geringerem Umfang erschienen in der Sammlung »Wissenschaft und Bildung« O. Lauffers »Niederdeutsche Volkskunde«, worin auf die geschichtliche Entwicklung und die Verbindung der Volkskunde mit der Altertumskunde besonders eingegangen wird, und H. Naumanns »Grundzüge der deutschen Volkskunde«. Das letztere Bändchen erhält dadurch vor allem Bedeutung, daß sein Verfasser schärfere Grenzlinien zieht zwischen alter Gemeinschaftskultur und zum Volksgut entartete höhere Kultur; in seiner »Primitiven Gemeinschaftskultur« hat Naumann diese Auffassung eingehender begründet. Auch in B. G. Teubners »Aus Natur und Geisteswelt« ist die Volkskunde in Angriff genommen worden. Es erschien der erste Teil von K. Reuschels »Deutscher Volkskunde«, worin Reuschel in seiner klaren Weise über das Wesen und den Wert der Volkskunde, die Sprache und die Dichtung des Volkes handelt. In derselben Sammlung hat E. Fehrle die »Deutschen Feste und Volksbräuche« bearbeitet und damit die elende Sudelei von H. Rehm durch eine ungleich bessere und tiefere Darstellung ersetzt. Eine weitere Darstellung volkstümlicher Sitte veröffentlicht C. Clemen in der Bücherei der Volkshochschule (»Deutscher Volksglaube und Volksbrauch«, Bielefeld und Leipzig, Velhagen & Klasing), worin vor allem dem Zusammenhang des Volksbrauchs mit der Volksreligion nachgegangen und durch die zusammenfassenden Fragen am Schlusse jedes Abschnitts zu intensiverer Beschäftigung mit der Volkskunde angeregt wird.
Endlich muß ich noch hinweisen auf die Rektoratsrede O. Lauffers an der Hamburger Universität, der einzigen reichsdeutschen Universität, die einen Lehrstuhl für deutsche Altertums- und Volkskunde hat. (Hamburg, E. Boysen 1923.) Lauffer spannt den Begriff der Volkskunde weiter als es gewöhnlich geschieht. Er versteht darunter das gesamte Gebiet des volkstümlichen Lebens, und dieses in vergangenen Zeiten zu verfolgen, ist ihm deutsche Altertumskunde. Im Grunde genommen läuft die Verschmelzung dieser beiden von Lauffer vertretenen Wissensgebiete auf eine geschichtliche Entwicklung und Darstellung der einzelnen Gebiete der Volkskunde hinaus, wie sie bereits vor Jahren von mir gefordert worden ist. Das ist mit Freude zu begrüßen, denn nur dadurch kann sich die Volkskunde unter den Geisteswissenschaften Sitz und Stimme erobern.
Janko alias Hanka
Ein Geständnis von Karl Lucas, Meißen
In Heft 4 bis 6, XII unsrer Heimatschutzmitteilungen habe ich vom Janko berichtet. Heute bin ich gezwungen, um nicht mit dem bekannten Presseparagraphen in mißliche Berührung zu kommen, ein Geständnis abzulegen. Janko will es so haben. Von irgendeiner Seite muß er von meiner Erzählung erfahren haben und ist mit ihrem Inhalte nicht ganz einverstanden.