Als ich ihn im Juli 1923 in Krinitz besuchen wollte, schnitt er mich vollständig. Er war für mich buchstäblich nicht zu Hause. Sein Pflegevater suchte mich damit zu trösten, daß er mir mitteilte, Janko trage auch ihm etwas nach. Er wisse auch, was ihn uns gegenüber mißgestimmt und wenig heiter mache. Dabei wies Vater Trähne hinauf zum Storchennest. Von dort schaute über den Rand zu uns herunter ein – Ei. Ich dachte bei mir: Das ist doch ganz in der Ordnung. In ein Nest gehört auch ein Gelege Eier. Nur auf dem Rande mag es zum Bebrüten nicht günstig liegen. Es ist auch zum Eierlegen etwas spät im Jahre. Aber vielleicht ist es so etwas wie ein Johannistrieb im Pflanzenleben, also ein Johannisei. Auch im Menschenleben lassen sich ja solche Vorkommnisse registrieren. Ich wundere mich also über Vater Trähne, und der hat seinen Spaß darüber. Endlich lüftet er den Schleier des Geheimnisses. »Das ist Jankos Werk!« – »Na«, sage ich, »das ist ja fein. Da hat Janko geheiratet, und das junge Storchenehepaar will mit einem Schlage dem Storchenrückgang in Sachsen dadurch ein Ende bereiten, daß es gleich das erstemal zwei Gelege in einem Jahre durchbringen will.« – »Nein, Janko hat nicht geheiratet.« – »Aber nu brat’ mir eener een Storch und die Beene recht knusprig!« Dieser schon mehr wie sächsische Ausdruck lief mir über die Leber. »Allein kann er doch das Ei ebensowenig wie ich oder du gelegt haben!« – »Sachte, sachte, lieber Freund! Das, was sich Janko geleistet hat, das haben sich meine Bauern- und deine Schulweisheit auch nicht träumen lassen. Er hat das Ei selbst gelegt und selbst bebrütet.« – »Ja, dann ist er doch gar kein Janko, dann ist er, ist sie, ist es eine Hanka?« – »Stimmt, eine leibhaftige, jungfräuliche Hanka! Um die Osterzeit kommt ein älteres Weibchen und bezieht das Nest. Es bleibt unbemannt, legt aber Eier, die unbefruchtet waren. Danach erscheint ein etwas kleinerer Storch, ein jüngerer. Der vertreibt die alte Störchin und besetzt selbst das Nest. Er tut recht bekannt, weiß sich aber allen unsren Annäherungsversuchen erfolgreich zu entziehen. Er ist Janko und doch auch wieder nicht.

Eines schönen Tages wirft er die Eier der alten Störchin vom Neste, plustert, dreht und wendet sich, setzt sich und hat gar nichts Jankomäßiges mehr an sich. Das wiederholt sich zwei-, drei-, viermal. Dann sitzt er und brütet auf seinen vier unbefruchteten Eiern. Die Wochen vergehen, aber die Wärme des jungfräulichen Körpers hat im Gelege kein Leben zu wecken vermocht. Der Bruttrieb läßt nach. Die Eier bleiben sich selbst überlassen. Sie werden dahin, dorthin verschoben. So liegt eins noch am Nestrand als Zeugnis dafür, daß Janko eben kein Janko, sondern eine Hanka ist. Vielleicht hat er es nur deinetwegen noch liegen gelassen, damit du dich von seiner Weiblichkeit überzeugen kannst. Aber laß dir um der Geschichte willen keine grauen Haare wachsen. Wenn ein kleiner Menschenjanko noch im Röckchen und Leibchen und langen Haaren umherläuft, dann kannst du ihn auch nicht gleich von einer Menschenhanka unterscheiden. Du kannst ruhig sagen: Der kleine Junge ist aber ein hübsches Mädel – und auch umgedreht. Es ist vorläufig beides noch richtig. Aber später will kein Junge mehr für ein Mädel gehalten werden und kein Mädel für einen Jungen. Das wird dir in beiden Fällen übel vermerkt.

Du hast unsre Janko-Hanka gar in die Presse gebracht. Das geht gegen ihr jungfräulich-frauliches Empfinden. Sie will nicht mehr verkannt sein. Sie glaubt es hinreichend bewiesen zu haben. Siehe das Ei da oben!«

Ich beuge mich vor der erdrückenden Wucht der Tatsache: Janko ist kein Janko mehr, er war überhaupt kein Janko; er, nein sie ist eine Hanka.

Wir schütteln uns mit Vater Trähne zum Abschiede die Hände. Die Sonne neigt sich. Janko, nein, Hanka ist noch nicht heimgekommen, wie sie es sich überhaupt angewöhnt hat, das Nest nicht mehr regelmäßig als Schlafstätte zu benutzen. Auf den Torfwiesen von Luga stolziert eins aus der Storchensippe. Das muß er sein. Ach, schon wieder falsch! Das muß sie sein. Ich nähere mich ihr. Auf zwanzig Schritt komme ich heran und rufe. Und was rufe ich? Janko! Natürlich wieder verkehrt. Hanka dreht sich um, mißt mich von oben bis unten, legt Hals und Kopf zurück, klappert, streckt den Hals nach vorn und fliegt ab nach Krinitz. Ich hatte das Gefühl, als ob ich es nunmehr ganz mit ihr verdorben hätte. Daß ich sie im vergangenen Jahre verkannt hatte, das mochte vielleicht verzeihlich gewesen sein, aber in diesem Jahre denselben Fehler, nachdem sie Eier gelegt hatte, das ist einfach unverzeihlich.

So hoffe ich durch diese Zeilen mein Vergehen zu sühnen und bitte alle, die den Janko, nein, die die Hanka treffen, ihr mein Schuldbekenntnis mitzuteilen, damit ich nicht am Ende bei der gesamten sächsischen Storchensippschaft in Verruf komme.

Zur Weihe der Karl-Schmidt-Bank

(In Bienhof bei Bad Gottleuba unter einem der schönsten Bäume des Tales, das sich von Hellendorf nach Bienhof hinzieht, errichteten Freunde unsers Vereins zur Erinnerung an unsern Gründer: eine »Karl-Schmidt-Bank«)

Nur eine Bank – so fragst du zweifelnd mich –

Soll von des Heimatschutzes Gründer zeugen?