Das Seifersdorfer Tal und der Garten zu Machern
Zwei Beispiele aus Sachsens Gartengeschichte
zur Zeit der Sentimentalität und Romantik
Von Dr.-Ing. Hugo Koch
Erklärung
- Tugendstein
- Tempel dem Andenken guter Menschen
- Aussichtspunkte
- Urne mit dem Schmetterling (Ahnung künftiger Bestimmung)
- Linde der Ruhe
- Sessel der Freundschaft
- Ruine der Vergänglichkeit
- Altar der Wahrheit
- Lorenzos Grab
- Betstuhl des Einsiedlers
- Lorenzos Hütte
- Pilz mit Strohdach
- Vergessenheit und Sorgen
- Musentempel
- Hermannseiche
- Lauras Denkmal
- Petrarca-Hütte
- Prinz Leopold von Braunschweig (Sarkophag)
- Denkmal der Herzogin Amalie von Weimar
- Schlußstein
- Obelisk
- Denkmal des Vaters der Gräfin
- Denkmal der »Altdeutschen Freundschaft«
- Tanzsaal
Tempel der ländlichen Feste
Tempel der ländlichen Freuden
Waldwiese
Die lachende Wiese - Denkstein
- Gastfreundschaft
- Denkmal des jungen Grafen
- Denkstein für Naumann, Sänger des Tales
- Jägerhaus
- Wohltätigkeits-Tempel
- Pythagoras-Hütte
- Bergquell (Schöpfe schweigend)
- Schlucht
- Herder-Denkmal
- Denkmal des Premierministers von Brühl
- Denkmal der Pflegerin des Tales
- Aussichtspunkt (Sonnenuntergang)
- Aussichtspunkt
- Amor-Denkmal
- Dorestan-Denkmal
- Hütte der Hirtin der Alpen
- Bad
- Ach wie schön
- Jan-Büste
Abb. 1 Lageplan des Seifersdorfer Tales
Der landschaftliche Garten kam über den Kanal zu uns herüber – daher der Name: englischer Gartenstil. Schon früh empfand der Engländer den Zwang der Etikette, die der französische Garten entwickelt hatte. Der höfische Prunk, die ganze durch Ludwig XIV. zur Herrschaft gekommene Gesellschaftsform sagte ihm wenig zu. So kam es, daß der französische Garten schon früh Gegner fand. Bereits 1624, noch bevor der Gartenstil eines Lenôtre zur Entfaltung kam, begann Francis Bacon in seiner Schrift: »Essay on the gardens« die geschnittenen Hecken und Figuren, die Wasserkünste und Wasserarchitekturen des altfranzösischen Gartens zu verwerfen. Nach ihm trat Sir William Temple gegen den herrschenden Geschmack unmittelbar auf. Miltons »Verlorenes Paradies« wirkte aufklärend. Der Graf von Shaftesbury brachte dem Begriff der künstlerischen Wahrheit eine neue Vertiefung. Eine wirkliche Kritik des französischen Gartens vom Standpunkt der Naturliebe aus begann Anfang des achtzehnten Jahrhunderts. Pope, der Dichter, und Addison, der Philosoph, wirkten durch Schriften. Mit dem ihm zur Verfügung stehenden witzigen Spott überschüttet Pope zunächst die »Gartenschneider«. In einem Katalog eines Gärtners preist er an: »Adam und Eva in Taxus, Adam ein wenig beschädigt durch den Fall des Baumes der Erkenntnis im letzten großen Sturm; Eva und die Schlange, kraftvoll wachsend; St. Georg in Buchs, sein Arm noch kaum lang genug, doch wird er im nächsten April in der Verfassung sein, den Drachen zu töten; ein grüner Drache aus gleichem Material, einstweilen mit einem Schwanz aus kriechendem Efeu (NB. Diese beiden können nur zusammen verkauft werden). Verschiedene hervorragende Dichter in Lorbeer, etwas ausgeglichen, können für einen Heller losgeschlagen werden. Eine Sau von frischem Grün, die aber zu einem Stachelschwein aufgeschossen ist, da sie letzte Woche in regnerischem Wetter vergessen war u. a. m.«
Die Anregungen der Dichter und Philosophen setzte in die Tat um William Kent (gestorben 1748), Landschaftsmaler, Baumeister und Gartenkünstler zugleich. Er wollte im Garten die Natur natürlich, doch nicht als Naturausschnitt, sondern als verdichtetes Gesamtbild der englischen Landschaft wiedergeben mit dem Grundsatz: »Die Natur verabscheut die gerade Linie.« Die große Ausdehnung seiner Parkschöpfungen kam ihm dabei zustatten. Immerhin bedurfte er zur Verstärkung der Stimmungen seiner Naturbilder menschliche Werke, Tempel und Einsiedeleien. Die Tempel wurden zunächst dem Geisteszug der Zeit folgend in antiken Formen erbaut, die Einsiedeleien möglichst natürlich und primitiv. Seine Nachfolger kamen, da dem Garten ein rechtes Gesellschaftsprogramm fehlte, bald zur Handwerksmanier, bis der Architekt William Chambers dem Garten eine neue Richtung gab, indem er auf die Stimmungsszenerien des chinesischen Gartens hinwies. Er erzielte damit weniger in England als vielmehr im übrigen Europa – vor allem in Deutschland – eine überraschende Wirkung.
Man hatte bei uns – in Sonderheit auch in Sachsen – von jeher der chinesischen Kunst – vor allem dem Porzellan – eine große Vorliebe entgegengebracht. Die Kunst des chinesischen Gartens sah man in der Schaffung von vielen kleinen kontrastreichen Bildern, welche durch einen malerisch gedachten, an sich zwecklosen Bau ihre Bedeutung erhielten. Das hatte viel Verwandtes mit dem Garten, wie ihn die Rokokozeit entwickelt hatte, in welchem gleichfalls die Sucht nach dem Wechsel, das System der Gegensätze, das Entscheidende wurde, nur daß hier die zahlreichen Einzelbilder, welche man für das intime gesellschaftliche Leben bedurfte, stets nach architektonischen Grundsätzen aufgebaut und Wechsel- und Gegensatzwirkungen durch architektonische Formensprache erreicht wurden. Nunmehr sollte der Garten nicht mehr im Gegensatz zur freien Natur stehen oder eine den menschlichen Lebensbedürfnissen angepaßte Natur darstellen, sondern wahre Natur. Das verwischte die Bedürfnisforderungen früherer Tage und brachte als Ersatz die Neigung auf, den Gartenszenen Beziehung zu sentimentalen Gedanken, zu dichterischen Stimmungen zu geben. Damit kam man, ohne sich wohl recht Rechenschaft abzulegen, wiederum zu idealisierter Natur. Das Ideal freilich schwankte. Zu den chinesischen Einflüssen traten neue. Der Drang nach Naturerkenntnis war noch im Steigen begriffen. Der Begriff der romantischen Schönheit in der Natur begann sich zu klären. Macphersons wunderbarer Versuch, aus dem Volkstum heraus dichterisch neu zu schaffen und schließlich Rousseaus hinreißender Ausdruck weckten das Gefühl für das Wildromantische und Furchtbare, für das Erhabene in der Natur. Es war jedoch nicht möglich, die große Natur in dem verhältnismäßig kleinen Garten wiederzugeben, geschweige denn zu höherer Wirkung zu bringen, so wendete man sich mehr dem Äußerlichen zu und pflegte vor allem den empfindsamen Geist.