Sandstein, zirka 9 m hoch, 4 m breit
Daß das Denkmal ehemals polychrom behandelt war, daran ist kaum zu zweifeln. Um aber Art und Umfang der Originalbemalung festzustellen, dürfte sich zunächst einmal der Versuch nötig machen, die Ölfarbenhaut auf trockenem Wege – durch Abklopfen, Abschaben und Abziehen – wenigstens stellenweise zu entfernen. Sollten sich durch glückliche Umstände größere Reste der alten Polychromie erhalten haben, so würde es sich empfehlen, nur die vorhandenen Farben aufzufrischen, unter Umständen stellenweise zu übergehen und einige Retouchen und Tönungen vorzunehmen. Jedenfalls sollte dann nicht ohne weiteres ein völlig neuer, naturalistischer Farbenüberzug über das Denkmal gelegt werden. In dieser Hinsicht hat man schlimme Erfahrungen bei der Restaurierung der berühmten Naumburger Stifterfiguren und der »Paradies-Skulpturen« am Freiburger Münster gemacht. Beide Werke sind nach sachverständigem Urteil infolge zu starker moderner Bemalung für den künstlerischen Genuß heute so gut wie verloren (vergleiche Max Sauerlandt, Deutsche Plastik des Mittelalters, K. R. Langewiesche, Düsseldorf und Leipzig 1911, Seite 11).
Phot. Kaubisch, Bautzen
Abb. 2
Thronnische des Corvinusdenkmals in Bautzen
Als Beispiel besonders gut gelungener Wiederherstellung einer ehemals polychromen gotischen Skulptur, die auch durch einen monotonen Ölfarbenanstrich entstellt worden war, möchte ich die kürzlich vollendete Freilegung der vielgenannten »Nürnberger Madonna« im Germanischen Nationalmuseum anführen. Man begnügte sich dabei mit Recht, die alte Fassung so gut wie möglich unter den späteren Ölfarbenschichten hervorzuholen, ohne die in der Fassung vorhandenen Schäden durch Neubemalung ganz zu verdecken. Allerdings ist zuzugeben, daß die Aufgabe bei der Nürnberger Statue eine ungleich leichtere war, da es sich dort um Holz als Material und nicht um zerbröckelnden Sandstein, wie beim Corvinusdenkmal, handelt. Immerhin dürfte es sich lohnen, das Nürnberger Beispiel fruchtbringend zu verwerten. (Vergleiche Bericht von E. H. Zimmermann im Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums 1921, Seite 3 bis 7 mit Abbildungen).
Weiterhin muß mit der Möglichkeit gerechnet werden, daß am Corvinusdenkmal unter dem Ölfarbenanstrich überhaupt keine Spuren der alten farbigen Fassung mehr vorhanden sind und daß der Sandstein bereits von innen heraus so weit verwittert ist, daß er nach Abnahme der deckenden Ölfarbenhaut völlig zerfällt. Bei verschiedenen Skulpturen des Dresdner Zwingers war dies leider der Fall. Unter diesen Umständen würde es sich fragen, ob man mit der Abnahme des Ölfarbenanstriches weitergeht. Dies dürfte meiner Ansicht nach nur dann geschehen, wenn man auf Grund der neuesten Erfahrungen im Restaurierungswesen mit Sicherheit imstande wäre, den kranken Stein durch Imprägnieren mit einem Steinerhaltungsmittel neue Festigkeit und Kohärenz zu verleihen.
Jedenfalls wäre es sehr zu bedauern, wenn man nach Entfernung des Ölfarbenanstrichs genötigt wäre, integrierende Bestandteile der Figuren durch sogenannte Führungen, das heißt durch so gut wie möglich nachgearbeitete und eingepaßte Sandsteinstücke zu ergänzen. Man muß sich darüber klar sein, daß dann schließlich nur noch eine moderne Kopie an Stelle des unwiederbringlich verlorenen Originals treten würde. Dieser Gedanke ist unerträglich bei der Bedeutung, die dem Corvinusdenkmal als einer der seltenen spätgotischen Monumentalskulpturen mit notorischer Porträtähnlichkeit zukommt. Es sei in diesem Zusammenhang an die urkundlich beglaubigte Tatsache erinnert, daß das Modell der Statue dreimal nach Budapest geschickt werden mußte, um dem König Gelegenheit zu geben, die Ähnlichkeit nachprüfen und verstärken zu lassen. (Vergleiche Manlius in Hoffmanns scriptores rerum lusaticarum, 1719, lib. VI, cap. 115 pag. 394.)
Sollte es nicht möglich sein, die Figuren des Denkmals im originalen Zustand an der jetzigen Stelle zu erhalten, so wäre es wohl das Richtigste, sie in das Bautzener Museum zu überführen und am Schloßturm wetterbeständige, getreue Kopien anzubringen.
Die baldige Herstellung von Gips- oder Kunststeinabgüssen nach den Figuren des Corvinusdenkmals erscheint auf alle Fälle als eine der vordringlichsten Aufgaben Bautzener Denkmalpflege. Noch wünschenswerter wäre natürlich die Anfertigung guter Kopien in hartem (etwa Postaer) Sandstein durch einen zu dieser Arbeit geschickten Bildhauer.