Aus der Entwicklung der Stadt sehen wir, wie die Alten mit neuem Mut und neuen Mitteln tatkräftig zu neuen Fortschritten trotz alles Unglücks kamen. Die Geschichte der Stadt gibt uns so ein tiefes Verständnis ihrer Gegenwart und den festen Willen für die Zukunft in Gemeinsinn und Opferwilligkeit unsern Vorfahren nicht nachzustehen und das Aufblühen der Stadt mit allen Kräften zu fördern.

Wegen der bequemen Eisenbahnverbindung durch die Hauptlinie Leipzig–Dresden und seiner gastfreundlichen Bürgerschaft wird Oschatz von Verbänden und Vereinen gern als Tagungsort gewählt. Auch viele Fremde besuchen die freundliche, gartenreiche Stadt mit ihren schönen Schmuckplätzen, die der Verschönerungsverein nebst dem prächtigen Stadtpark mit tatkräftiger Unterstützung der städtischen Körperschaften anlegte.

Abb. 7 Oschatz Der Kollmberg vom Stadtwald (Butterweg) aus

Im Stadtpark wechseln große Rasenplätze, von bunten Blumenbeeten und schönen Baumgruppen geziert, mit Laub- und Nadelholzwald ab. Die Sträucher und Wege zeugen von einer sorgfältigen Pflege der Parkanlagen. Inmitten des Parkes liegt auf einer Anhöhe das Restaurant »Zum Weinberg« mit schattigem Garten. Von hier aus genießt man einen prächtigen Blick auf das Döllnitztal und auf die Stadt. In der Ferne erhebt sich inmitten dunkler Wälder der Kollm, der wegen seiner umfangreichen Aussicht von nah und fern besucht wird.

Auf dem Friedhofe des Dorfes Kollm steht eine zehn Meter im Umfang messende, wohl tausendjährige Linde, wo die Markgrafen von Meißen 1185 bis 1259 ihre Landdinge abhielten. In einer Urkunde von 1200 unter Dietrich dem Bedrängten heißt es: »dise ding sind geschehen in unserm ubirsten palas zu colmitz«. Das untere Palatium war gewiß das nach Oschatz zu liegende wüste Schloß Osterland. Nach den Ruinen ist es ein gewaltiger Bau gewesen, den nur ein mächtiger Fürst errichten konnte. Der innere Hof ist vierhundertzwanzig Quadratmeter groß. Im Grundriß mißt die Burg fünfundvierzig mal fünfunddreißig Meter, der Vorbau achtzehn mal zehn Meter. Die Ausgrabungen, die noch nicht beendet sind, haben ergeben, daß das Schloß weit größer ist, als Preusker und andere annahmen. Unter den Funden, die in der ortskundlichen Sammlung zusammengestellt sind, ist, neben Brakteaten Dietrichs des Bedrängten und Heinrichs des Erlauchten und anderem mehr, ein Brakteatstempel des letzteren Fürsten wohl der wichtigste. In Deutschland sind bis jetzt nur neun Stück bekannt. Wegen Mangel an Urkunden ist die Geschichte des Schlosses in Dunkel gehüllt. 1387 wird es aber schon »wüstes Steinhaus« genannt.

Vom Aussichtsturm des Kollm, dem Albertturm, erblickt man nach Osten zu im dunklen Wald diese Ruine. Weiterhin sieht man die Türme von Oschatz, Riesa, die Elbe bei Gohlis, Strehla mit Kirche und Schloß. Nördlich liegt die Dahlener und Sitzenrodaer Heide und Torgau. Nach Westen ist außer den Hohburger Bergen und Wurzen auch Leipzig mit dem Völkerschlachtdenkmal sichtbar. In der Wermsdorfer Heide liegen in der Nähe des Horstsees die Schlösser Wermsdorf und Hubertusburg. Im Süden erhebt sich der Rochlitzer Berg und das Schloß Augustusburg, südöstlich wie ein dünner Stift die Halsbrücker Esse. In weiter Ferne begrenzt das Erzgebirge den Gesichtskreis.

In der wohlangebauten Ebene und im welligen Hügelland, das man vom Kollm übersehen kann, liegen oft in stattlichen Parks über dreißig Rittergüter und Herrensitze, meist ehemalige Wasserburgen, oft adligen Geschlechtern gehörig, deren Vorfahren zum Landding nach den überall sichtbaren Kollm ritten, der das Oschatzer Land beherrscht.

Es soll nicht mit groben Händen an dem Teuersten und Heiligsten gerührt werden, was ihr auf Erden besitzet. Von dem, was ihr von eurer Heimat wißt und was ihr von ihr haltet, soll kein Stücklein weggenommen werden; es soll nichts an ihr genörgelt und geschulmeistert werden.

(Prof. Woerl, München.)