Aus der Tätigkeit des Landesamtes für Denkmalpflege
Von Denkmalpfleger Dr. Bachmann
Im Januarheft des Jahres 1922 konnte Verfasser dieser Zeilen eine kurze Übersicht über die Betätigung des Landesamtes in den Kriegs- und Nachkriegsjahren geben. Die Hoffnung, daß die Zeiten sich bessern würden, daß die Gefahr des Verfalls und der Abwanderung des im Lande verstreuten Kunstbesitzes allmählich wesenlos werden würde, hat sich leider inzwischen nicht erfüllt. Schärfer als je steht die staatliche Denkmalpflege im Kampfe gegen widrige Umstände. Auch ständig durchgeführte Überwachung und Hinweis auf die erlassenen Kunstschutzverordnungen hat nicht immer verhindern können, daß seitens der Besitzer eigenmächtige Handlungen vorkamen, die rückgängig zu machen zu teilweise recht unliebsamen Erfahrungen für jene führten.
Besonders viel gesündigt wurde und wird noch heute in bezug auf den reichen Schatz mittelalterlicher Kirchenglocken, den Sachsen mit Stolz sein eigen nennen kann. Es ist tief betrüblich zu beobachten, wie leichten Herzens sich manche Kirchgemeinden von ihren alten Kirchenglocken trennen, die, nachdem sie die Stürme des Dreißigjährigen, des Siebenjährigen und des Freiheitskrieges glücklich überdauert haben, heute der Geschäftstüchtigkeit mancher Glockengießerfirmen zum Opfer fallen. Da Verbote und Ermahnungen oft fruchtlos waren, mußte in einigen Fällen mit dem Nachdruck der Strafgesetzesparagraphen vorgegangen werden. Als Beispiel nur, welch unersetzliche Werte hier in Frage stehen, sei hier auf die prachtvolle Glocke der Kirchgemeinde Elstertrebnitz hingewiesen, die jetzt eine Zierde des Dresdner Kunstgewerbemuseums bildet, nachdem sie bereits heimatlos geworden und in nächste Nähe der Schmelzöfen der Firma Schilling und Lattermann in Apolda gelangt war. Das selten schöne Stück trägt auf seinem Mantel zwei durch Frische der Zeichnung und Lebendigkeit der Darstellung gleichermaßen ausgezeichnete Bildnisgruppen, den heiligen Martin zu Pferd, dem auf der Gegenseite eine Kreuzigungsgruppe entspricht. Die Darstellungen erinnern an frühe Holzschnitte des fünfzehnten Jahrhunderts und vorzüglich hat es der Künstler des Glockenschmuckes, der sich, ein seltener Fall, als »Nicolaus Eisenberg aus Leipzig« selbst nennt, verstanden, dem spröden Material echtempfundene Linienwirkung abzugewinnen. Neben dem Künstlernamen wird uns auch das Herstellungsjahr »1460« genannt. Wenn wohl etwas für die innere Berechtigung der Bestrebungen von Heimatschutz und Denkmalpflege spricht, dann sind es solche Fälle krasser Nichtachtung gegenüber angestammtem Heimatgut.
Schlimmer ist es heute zumeist um die Kirchengebäude selbst bestellt und immer mehr häufen sich beim Landesamte die Unterstützungsgesuche gerade für unsere schönsten und wertvollsten Dome. Die dem Amt zur Verfügung stehenden Mittel sind aber leider solchen Anforderungen gegenüber gänzlich unzureichend. Sollen darum nun wirklich unsre stolzesten Gotteshäuser, die bedeutsamsten Schöpfungen vergangener Jahrhunderte einem langsamen, aber sicheren Verfall entgegengehen?! Aus Leipzig, Freiberg, Wurzen, Pegau, Meißen, Zwickau und anderen Orten kommen die Hilferufe, ja selbst die Meisterschöpfung Georg Bährs, die Frauenkirche zu Dresden erscheint gefährdet. Aufrufe an die Opferfreudigkeit wohlhabender Kreise finden erfahrungsgemäß in solchen Fällen wenig Echo, und das »noblesse oblige« hat heute wenig Kurs. Hier wird es der Anspannung aller Kräfte, der Mitwirkung aller gebildeten Kreise und der Körperschaften aller Arten bedürfen, um nur das schlimmste abzuwenden. Durch Warenlotterien, wie sie der Heimatschutz schon so manches Mal in solchen Fällen durchführte, kann gleichfalls vieles erreicht werden. Alle Bemühungen aber werden unzureichend sein, wenn es nicht denen, die sich in unsrer jetzigen Verfallszeit einen ungebeugten Idealismus und tapferen Optimismus gewahrt haben, gelingt, in ständig durchgeführter Kleinarbeit das öffentliche Gewissen und das Verständnis für unsre Kulturschätze wachzurufen und wachzuhalten.
In einer großen Anzahl von Fällen konnte das Landesamt auch in den vergangenen zwei Jahren gefährdete kleinere Kunstdenkmäler durch staatliche Beihilfen erhalten helfen, zumeist Stücke alter kirchlicher Kunst, und erfreulich war es zu sehen, daß gerade kleine, leistungsschwache Kirchgemeinden die Opfer nicht scheuten, die ihnen selbst aus diesen Erhaltungsarbeiten erwuchsen. Nur wenige Beispiele aus diesem reichen Betätigungsgebiet mögen genannt werden.
Hart am Rande der Erzgebirgsgrenze liegt das kleine Holzarbeiterdorf Deutschneudorf bei Olbernhau. Die malerische Kirche ist eine Gründung böhmischer Exulanten und hat sich aus dieser Zeit eine Reihe kleiner Denkmäler bewahrt, die nunmehr, dank dem tatkräftigen Zugreifen des Pfarrers Ostermuth, eine Auferstehung erlebt haben, und die nun wieder eine Zierde des Gotteshauses bilden. Da die Mittel für eine noch geplante Heldenehrung nicht ausreichten, wurde vom Landesamt ein großer holzgeschnitzter Barockengel zur Verfügung gestellt, zu dem von Paul Rößlers Künstlerhand eine in einfach-edlen Linien gehaltene Ehrentafel komponiert wurde. So kam eine anspruchslos schöne Kriegerehrung zustande die gerade hier, in einer Gegend alter Holzschnitztradition ihre besondere innere Berechtigung hat.
Aus der kleinen Dorfkirche zu Steinsdorf im Vogtlande wurde auf Veranlassung des Landesamtes ein Flügelaltar in die staatlichen Werkstätten eingeliefert, der als früheste bisher bekannte Originalarbeit des Zwickauer Bildschnitzers Peter Bräuer, eines Schülers von Riemenschneider, sich erwies, und der nach der Bezeichnung im Jahre 1497 geschaffen wurde. Der Altar war in der Barockzeit in schlechtester Weise übermalt worden, die Gesichter der Heiligen durch aufgemalte Bärte und anderes völlig entstellt. Nach der Reinigung erst kamen die schönen Formen der alten Schnitzerei wieder voll zur Geltung, wie der hier beigegebene prachtvoll lebendige Kopf eines Bischofs ([Abb. 1]) bezeugen mag. Die Kirche enthält auch aus der Barockzeit manches ansprechende Denkmal bester Volkskunst, wie dies der hier wiedergegebene schöne holzgeschnitzte Taufständer ([Abb. 2]) ausweisen kann.