Bekannt ist, daß die Dresdner Heide eins der Jagdgebiete der sächsischen Fürsten von jeher gewesen ist. Die Wettiner waren bemüht, dieses Gebiet immer mehr abzurunden, seinen Wildbestand auf unvergleichlicher Höhe zu halten. Verzeichnisse der Jagdergebnisse geben überraschende Einblicke, ebenso Berichte, wie der von 1687, in dem wir lesen, daß »bey der Hirschfeist 609 Mann … aus 17 Ämbtern … aufgewarttet« haben, die 19 Mann des Amtes Moritzburg z. B. »vom 13. Julii bis mit den 1. Sept. zusammen 51 Tage …« Die Dörfer, die der Wildbahn angrenzten, waren nicht zu beneiden! Immer und immer wieder klagen sie über entstandenen Wildschaden und bitten um Entschädigung. Oft erreichen sie erst nach langer Zeit, oft nicht einmal ganz ihr Ziel!
Das sind Dinge, die genug bekannt, die aber oft geflissentlich einseitig scharf beleuchtet worden sind! Haben die Bauern der Lößnitzdörfer nicht auch um anderes gebeten, als um Ersatz für erlittenen Wildschaden? Haben sie nicht oft auch Gesuche eingereicht, sich aus der Heide Holz für ihren Hausbau, für Planken um ihre Weinberge, Holz für Weinpfähle holen zu dürfen? Haben sie dies nicht ebenso erhalten, wie die Erlaubnis zum Streurechen, zur Hutung in der Heide? Aber gleich bringt man den Hinweis auf die bäuerlichen Gegenleistungen, die bestanden haben in »Sensen- und Sicheltagen zum Vorwerk Ostra und in Jagddiensten auf Dresdner Heide«. Warum fragt man nicht danach, was jenen im Winter das mangelnde Stroh hätte ersetzen können, wenn sie das Laub der Heide nicht gehabt hätten?! Warum weist man nicht darauf hin, wie unentbehrlich ihrem Vieh vom Frühjahre bis zum späten Herbste diese Hutung in der Heide gewesen ist?!
Ich habe durch eine starke Linie auf der eingangs erwähnten »Grundkarte« (s. [Abb. 1]) all die Gemeinden – ohne Dresden – umschlossen, die in der Heide von jenen Rechten Gebrauch gemacht haben. Oft zum Schaden des Waldes, zum Schmerze der Oberförster, die sehr wohl erkannten, wie schädlich ihrem Walde diese Nutzung war!
Eine Bittschrift vom Jahre 1580 möchte ich hier einfügen – nicht, um Nörglern Stoff zu bieten! Sie betrifft »die Sieben Dorffschafften Kaditz, Serckwitz, Radebeull, Trachau, Pischenn, Muckten vnd V̈bigen«, die, wollten sie ihren Holzbedarf decken, nicht etwa in die nahe Heide, sondern »in den Tarandischen Waldt« ziehen mußten, während »etzliche Dorffschafften vber der Elbe In die Dreßdnische Heide« gewiesen wurden! Noch 1593 ist die Angelegenheit nicht endgültig geregelt, weil »der her Jegermeister durch den Zeitlichen thot von dieser welt abgefordert worden«.
Abb. 1 Grundkarte
[Details]
Geldknappheit ist durchaus keine neuzeitliche Erfindung! Anno 1675 hat ein »Wohlverordtneter Cammer-Juncker, auch Ober Forst u. Wildtmeister … vor eingelieferte Hirsch Wildts und andere Heuthe auch Rehe felle und anders (Wölfe sind mehrfach noch genannt!) noch 496 fl 2 gr an Jägerrechte zu fordern«. Er bittet, wenigstens die Hälfte ihm zu gewähren – die Forderung betraf die Jahre 1670–1675!! Treue Dienste müssen aber doch belohnt werden! Ist kein Geld da, dann eben auf andre Weise! Und so war denn der Kurfürst auf den Gedanken verfallen, sein Waldgebiet dort zu opfern, wo es der Wildbahn nicht schädlich war: er verlieh an Stelle vielleicht sehr dringlicher Gehaltszulagen ein Stück derartigen Heidebodens – als Weinbergsgelände! Die Karte ([Abb. 2]) nennt Namen und Stand der Bedachten: Forstleute und Amtsschreiber, Bürgermeister und Kammerdiener, alle werden fast gleichmäßig bedacht: zwischen vier und sechs Ackern schwankt die Größe der »Neuen Weinbergstede«. Die Karte zeigt übrigens auch, wie der Kurfürst gleichzeitig die Gelegenheit benutzt hat, sein Heidegebiet abzurunden: »Diesen Feldwinkl treten die Zwantzig Personen von Rädebeil vnderthenigst ab! Zu ergäntzung dieser heyden ecken!« lesen wir unter anderem im nordöstlichen Teile der Karte – sie ist umgekehrt orientiert wie unsere Karten! Seit 1627 hat sie geruht – zum ersten Male wird sie hier abgedruckt – im Dresdner Hauptstaatsarchiv fand ich sie (Loc. 38525, Rep. XVIIIa, Dresden 185), eine Zeichnung des Balthasar Zimmermann, des kursächsischen Markscheiders, des Vetters jenes berühmteren Mathias Oeder, dessen Heidekarte von 1600 bereits Erwähnung fand.
Abb. 2 Karte von Balthasar Zimmermann 1627
Zimmermann besaß übrigens auch einen Weinberg in unserem Gebiete – er hatte ja »dem Hause Sachsen langwierige, treue Dienste« genug geleistet! »Mit großen vncosten hatte er den Platz gerodet, mit weinstöcken bestecket vnd eine Mauer von Stein vnd Plancken darumb geführet. Die Soldaten hatten aber (noch dazu im Winter!) die Plancken wegkgeholet vnd verbrandt«. In der Nähe befand sich ein Fleck, den seine Erben 1634 gern gehabt hätten. Des Vaters Haus hatten sie »schulden halber verkauffen müssen, vnd des Weinberges aus ermangelung Tüngers konnten sie nicht mechtig werden«. Auf jenem Heideflecke sollten nun »einbaar Kühe des Sommers über ihre trifft vndt weyde haben«. Der Fleck lag aber innerhalb »der allgemeinen huttung«, der er auch verbleiben soll, das Gesuch muß also abgelehnt werden – 1638 haben es die Erben noch einmal versucht. Jener Heidefleck reichte »bis an die Bohmwiese«, so berichtet der Oberforstmeister Bernstein; Balzer Zimmermanns Erben schreiben: »bis an die Bahnwiese« – und Oeder? Auf seiner Karte steht: »Am Baum«. Ob nun die »Bahnwiese« endlich verschwindet und der »Baumwiese« Platz macht?!