Aufnahme von Joh. Hartmann
Abb. 5 Untersuchung der Weinberge auf Reblaus
Dabei wurde reihenweise vorgerückt und möglichst jeder dritte Stock angeschlagen. Fand sich der Schädling an den hakenförmigen Krümmungen der Wurzeln, den Nodositäten, vor, was leider nur zu oft eintrat – so wurde das von uns durch ein kräftig gerufenes »Laus« verkündet, und ein Arbeiter kalkte den Rebpfahl des befallenen Stockes oben ausgiebig an. Im Umkreis eines infizierten Stockes wurde alsdann jeder Stock untersucht, und bald zeigte eine ganze Anzahl weißer Pfahlspitzen den aufgefundenen Reblausherd an. In diesen Herd wurden noch die scheinbar gesunden Reben im Zwanzigmeter-Umkreis einbezirkt, und das Ganze wurde von einer besonderen Kolonne, die mit pfahl- und drahtbeladenem Wagen ankam, eingedrahtet und mit einer Verbotstafel versehen, welche das Betreten des Herdes, auch den Besitzern, versagte. Die Eindrahter wurden geschmackvoll als »Topfstricker-Kolonne« bezeichnet.
Jeder, welcher den Herd, mochte es dienstlich oder anders begründet sein, betrat, selbst die Herren Ministerialdirektoren waren nicht ausgeschlossen, mußte mit seiner Fußbekleidung in ein Becken mit Petroleum treten – dies wiederholte sich auch beim Verlassen des Herdes. Auf diese Weise sollte die Verschleppung der Reblaus gehindert werden – auch ein sorgfältiges Abbürsten der Oberkleider mußte man darum über sich ergehen lassen. Aus gleichem Grunde wurde auf den Herden sogar eine Nachtwache bezogen, die leider von der Bevölkerung in der ersten Erbitterung tätlich angegriffen wurde. Auch wir Hilfssachverständigen wurden auf dem Heimwege von unserer anstrengenden Tätigkeit (acht Stunden stehen auf geneigtem Gelände!) des öfteren mit Steinwürfen bedacht.
Aufnahme von Joh. Hartmann
Abb. 6 Verbrennen der Reben und Rebpfähle
Welch ungeheuere Verseuchung einzelne Berge aufwiesen mag das Beispiel des von mir untersuchten Weinberges des Kammerherrn Exzellenz von Minckwitz zeigen. Dieser Berg zählte allein über dreitausend infizierte Stöcke. Hierbei fanden sich nicht bloß die Nodositäten an den jungen Wurzeln; auch das alte Wurzelholz zeigte knotige Anschwellungen, sogenannte Tuberositäten ([Abb. 2g]), welche oft honiggelb überzogen waren, da Laus an Laus, Eigelege an Eigelege saß.
Auf die »Topfstricker« folgte die Schätzungskommission. Diese hatte die durch gekalkte Rebpfähle kenntlich gemachten verseuchten Stöcke, und gesondert, die in den Herd einbezogenen gesunden Reben auszuzählen, sowie den Wert der daran befindlichen Trauben abzuschätzen. Die durch die Vernichtung entgangene Traubenernte und die in dem Herde befindlichen »gesunden« Rebstöcke wurden vom Staate den jeweiligen Besitzern oder Pächtern nach besonderen »Bonitätsklassen« vergütet.