1924

Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern herausgegeben

Abgeschlossen am 1. Juni 1924

Weinberghäuser in der Lößnitz und den Meißner Bergen

Von Reg.-Baurat Dr. Paul Goldhardt

Wenn wir von den Elbhöhen unterhalb Dresdens, etwa vom Standpunkte des Spitzhauses, ins weite lichte Land hinausblicken und, die tektonischen Massen der herüber- und hinübergrüßenden stolzen Ufer abwägend, das Bild des breit und majestätisch dahinziehenden Elbstromes in uns aufnehmen, werden die zu unseren Füßen sich ausbreitenden Niederungen gar bald unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Welch ein unübersehbares Häusermeer! Kauert sich doch von Dresden bis nahe an Meißen, zwischen Gärten und Alleen eingebettet, ein Häuschen neben das andere; kleine Giebelfenster blitzen unter roten und dunkelblauen Dächern auf, in nicht endenwollender Zahl sind menschliche Siedlungen und Arbeitsstätten zwischen Strom und Berg verstreut.

Vor solcher Übervölkerung der heimatlichen Erde erschrickt man, und leise mischt sich die ständig mit uns wandelnde Sorge um das Los unseres gequälten Volkes in die fröhliche Wanderstimmung. Und doch, wer die trauten heimatlichen Täler und Höhen ins Herz geschlossen hat, den werden die üppigen Gärten und die von weiter Sicht so simpel daliegenden und in der Nähe gesehen so kompliziert auf die modernen Bedürfnisse der Menschen eingestellten Siedlungen auch mit Zuversicht erfüllen, denn sie versinnbildlichen ihm mit eindringlicher Macht die unüberwindliche Kraft des Volkes, die auch durch jahrzehntelange Unterdrückung hindurch zum Lichte strebt. Sind doch all diese Gehöfte und Werkstätten innerhalb weniger Jahrzehnte aus dem Erdboden geschossen und haben eine vollkommene Umwertung der Landschaft hervorgerufen.

Der Wanderer, der gegen Anfang oder um die Mitte des verflossenen Jahrhunderts die Elbhöhen erstieg, konnte noch landschaftliche Bildungen von vollendeter Reinheit und Lieblichkeit bewundern, von denen der heutige Zustand kaum noch einen matten Abglanz widerspiegelt. Wem ständen, wenn er sich jener Zeiten erinnert, nicht Ludwig Richtersche Radierungen vor Augen, auf denen die Poesie der Weinkultur verherrlicht wurde? Sie sind für immer dahin, jene anmutigen Zeiten der Bergeinsamkeit, die Tage farbenreicher ländlicher Feste, der wandernden Gesellen und versonnenen Zecher.

Und nur unsre Phantasie kann uns von der Unberührtheit der damaligen Lößnitzberge eine Vorstellung geben, als dort noch ein weiter großer Garten Gottes war, umzäunt und durchschnitten von tausend Steinmäuerchen und Treppchen, die sich bergab und bergauf zwischen saftigem Weinlaub, knorrigen Nußbäumen und uralten Linden dahinzogen, als dieses ganze sonnige Berg- und Hügelland samt der vorgelagerten breiten Talsohle, über und über in Grün getaucht, noch frei war von städtischen Ansiedlungen, und als dieses ewige Grün nur an ganz wenigen Stellen und wohlberechnet durchsetzt war von den fröhlichen roten Ziegeldächern und weißen Mauerflächen der kleinen Winzerhäuschen und Weingüter. Uns bleibt, wenn wir jene alten schönen Zeiten neuerleben wollen, nichts übrig, als sehenden Auges umherzuschweifen und den alten trauten Zeugen einer verklungenen Kultur nachzuforschen. Mit der Freude des Entdeckers werden wir zwischen Rebstöcken, abgebrochenen Alleen und verfallenen Mäuerchen diese malerischen Häuschen eins nach dem anderen auffinden und mit steigendem Entzücken feststellen, welch große künstlerische Einheit sie umfaßt, wie immer und immer wieder das trauliche Walmdach wiederkehrt, wie hinsichtlich der Stellung des Häuschens zur Straße und zum Weinberg und der künstlerischen Verflechtung von Haus, Garten und Berg überall dieselbe ordnende Hand tätig gewesen zu sein scheint. Stand doch das Winzerhaus wie das vornehme Landhaus immer unten im Tal und überließ das sonnige Berggelände dem Rebstock, der sich bis zum Bergkamm hinaufzog. Dort aber an höchster Stelle entstanden allerliebste Wachthäuschen, denn zur Zeit der reifenden Trauben war dort Aufsicht geboten. Welche anmutige Lösungen fanden unsere Vorfahren hierfür, welche entzückenden Türmchen und Pavillons krönen allerorts die Weinbergsgrundstücke und erzählen von der fröhlichen Schaffenslust der Bewohner und von ihrem feinen und natürlichen Gefühl für bauliche Aufgaben!