Wenden wir uns kurz dem geschichtlichen Ursprung und Werdegang der Weinbergsbauten in der Lößnitz zu, so ist zunächst festzustellen, daß aus der Zeit vor 1550 nichts Bemerkenswertes erhalten ist, und daß die überwiegende Zahl der baulichen Anlagen vom Anfang des achtzehnten bis zum Anfang des neunzehnten Jahrhunderts errichtet wurde. Da aber die Rebenkultur in den Elbbergen viel älteren Ursprungs ist, glaubt man sie doch, auf gewisse Urkunden fußend, bis ins zwölfte Jahrhundert, also in die Zeit der Neubesiedlung des Landes durch die Deutschen, zurückverfolgen zu können, so scheint die Geschichte des sächsischen Weinbaues nun schon dreiviertel Jahrtausend mit der Entwicklung unserer engeren Heimat verknüpft zu sein. Im frühen Mittelalter, als Sorben und Deutsche um den fruchtbaren Boden gerungen haben, wurde der Weinbau von den Klöstern und Kirchenfürsten gefördert, und gewiß war Meißen auch der Ausgangspunkt dieser wichtigen Kulturerscheinung, deuten doch gewisse altüberlieferte Orts- und Gebäudebezeichnungen, so z. B. die der Bischofspresse in Zitzschewig, auf diese Tatsache hin. Jahrhundertelang war die kleine Rebenstadt das Herz des Landes, bis sie infolge von dessen politischer Umbildung das Zepter an Dresden abtreten mußte. Der Weinbau aber hat indessen nicht aufgehört, im Wirtschaftsleben des Landes eine große Rolle zu spielen, und wir können annehmen, daß die Rebenkultur im Verlaufe der Jahrhunderte von ausschlaggebender Bedeutung für die landschaftliche Gestaltung des Elbgebirges und für sein bauliches Bild gewesen ist.

Von Dresden aus übernahmen dann die weltlichen Fürsten die Fürsorge für den Weinbau, höfische und städtische Kultur ist es, die von jetzt ab im Gefolge des Weinbaues in die Berge vordringt. Es sind die reichsten und schönsten Blätter der sächsischen Kulturgeschichte, die sich uns nun eröffnen, die Zeit des farbenprächtigen Barockes, jener wundervollen Stilgebundenheit, die dem gesamten Leben der damaligen Zeit Glanz und Weihe verlieh. August der Starke und seine schönheitstrunkene Zeit! Die Strenge des Hofzeremoniells löste ein um so freieres, ungebundeneres Landleben aus; erschöpft von den gesundheitraubenden Hoffesten und überdrüssig des Staubes der bewegten Stadt, bestiegen die zierlichen Perückendamen und höflichen Kavaliere die breiten Staatskutschen, und hinaus in die weinumrankten Berghäuschen ging die fröhliche Fahrt, anmutigen Schäferspielen und neuen Intrigen entgegen. Und nun beginnt ein herzerquickender Wetteifer der baulustigen Stadtherren, immer schönere Weingüter zu ersinnen, immer lieblichere Gebilde aus Stein und Dachwerk zwischen malerischen Bergtreppen und schnurgeraden Alleen hervorzuzaubern. Freilich die Namen der Künstler sind verschollen. Sei es drum, war doch das ganze schönheitsgierige Jahrhundert kunstbegabt, war doch jeder ein Meister. Waren auch viele der damals entstandenen Weinbergshäuser kleineren Umfanges und von bescheidenem Äußeren, so erscheinen sie uns, die wir der baulichen Verwilderung der letzten Jahrzehnte müde sind und gierig dem Schatz unserer guten alten einheimischen Kunst nachforschen, doch alle wie Zeugen aus einer besseren Zeit, in der anständige künstlerische Durchbildung des Hauses noch eine selbstverständliche Forderung war.

Als Auftakte der Lößnitzbaukunst sind in erster Linie das launige mit reicher den Wein verherrlichender Plastik geschmückte Portal im Garten der Hellerschänke, sodann das an der Baumwiese gelegene Fachwerkhaus ([Abb. 1]) zu nennen. Es soll der Gräfin Cosel als Zuflucht gedient haben und zeigt im Innern noch einige Reste reicherer Raumdurchbildung, worauf ja schon der prächtige Fachwerkserker, der in unserer Gegend selten vorkommt, hindeutet. Zu diesen auf die Lößnitz vorbereitenden Bauwerken gehört aber auch der gut umrissene Gasthof »Pfeifer« in Wahnsdorf und das alte Weingut am Wilden Mann, Döbelner Straße 108 ([Abb. 2]).

Abb. 1 Fachwerkhaus an der Baumwiese
Aufnahme von Josef Ostermaier, Dresden-Blasewitz

Inzwischen gelangen wir in die Oberlößnitz und stoßen an der Wettinstraße auf ein rechtes Märchenhaus: das Kiauhaus ([Abb. 3]), versteckt hinter einem dichten Schleier knorriger und hochaufstrebender Zweige und gemütlich umgürtet von einer breit geschwungenen Steinmauer. Sollen wir die Entstehung dieses seltsamen Baumindividuums dem Zufall zuschreiben oder hat feiner Gestaltungssinn diese wundervolle Einheit zwischen Menschenwerk und Naturgebilde geschaffen? Man kann wohl nur letzteres annehmen.

Aufnahme von P. Georg Schäfer, Dresden

Abb. 2 Weingut in Dresden, Döbelner Straße

Noch schlichter und ländlicher wirkt Haus Breitig in der Kronprinzstraße mit seinem dunklen Fachwerk und hellen Putzfeldern, es steht so fest verankert mit dem Boden und innig angeschmiegt an die Naturumgebung ([Abb. 4]).