Wird auf den rein technischen Teil des neuen Weinbaues kurz hingewiesen, so soll in kurzen Zügen von der Weinberganlage selbst, dann, soweit sie die Allgemeinheit interessieren kann, von der Aufzucht der neuartigen, d. h. auf amerikanischen Reben veredelten Reben und von der Vermittelung der technischen Kenntnisse für den neuen Weinbau die Rede sein.

Hat man früher durchweg, ohne den ganzen Boden des Berges tief zu bearbeiten, nur dort eine Grube von etwa fünfzig Zentimeter Breite, achtzig Zentimeter Länge und vielleicht sechzig Zentimeter Tiefe dargestellt und diese dann durch eine Rebenrute eines nebenstehenden Weinstockes neu zu beleben gesucht – das sogenannte Senken oder Vergruben – indem man der in die Grube hineingebogenen Rebe reichlich Stallmist bot, um Wurzelbildung und Entwicklung zu fördern, wobei nicht selten der Fehler begangen worden ist, daß man die üppigsten, in dem wenig gepflegten Boden am wenigsten fruchtbaren Stöcke zur Weitervermehrung heranzog, ist man heute einen anderen Weg gegangen, der durch laufende Beobachtung verbessert wird.

Zunächst wählt man für Neuanpflanzungen einen von alten Rebenteilen völlig befreiten Berg, deren es bei dem Aufbau nach der Reblauskatastrophe reichlich gibt, rigolt diesen Weinberg, d. h. man gräbt den Boden auf ein Meter Tiefe unter sorgfältigem Mischen durch und, wo Felsen sind, bedient man sich des bewährten Sprengstoffes der Dresdner Dynamitfabrik Rouchteriz, dessen Anwendung auf ganzen Flächen statt des Spatenrigolens in neuester Zeit sehr gute Dienste geleistet hat. Solche Sprengkultur wurde weinbaulich erstmalig in dem Musterweingut der Weinbauversuchs- und Lehranstalt Schloß Hoflößnitz mit dem besten Erfolge durchgeführt, so daß auch der Rat zu Meißen, Weingut Rote Presse, Sörnewitz, und neuerlich der Rat zu Dresden dieses wichtigen Kulturmittels bei Neuanlage von Weinbergen sich bedienen.

In derartig tiefgelockertem Boden, dem man bei Sprengung alle steinigen Massen beläßt und bei dem man, wenn Spatenarbeit Durchführung findet, alle durch Bruch zerkleinerten Steine nicht wie früher zu Steinhalden abträgt, sondern sie als Feuchtigkeitserhalter, bei der Verwitterung als Bodenbildner an der Oberfläche des bearbeiteten Landes gern sieht, weil sie nicht unwesentlich dazu beitragen, den Charakter des Bodens und damit auch des auf ihm wachsenden Weines zu bestimmen, findet nun die Anpflanzung der jungen Reben nicht wie früher in unregelmäßigem Stande, sondern in Zeilen, deren Entfernung bei mittlerer späterer Düngung einen Meter betragen muß, wie auch der Stand in den Zeilen einen Meter beträgt und wie andererseits bei beabsichtigter gesteigerter Nährstoffgabe mit der Absicht außergewöhnliche Erträge zu erzielen, wiederum der Stand der Rebe in Zeile und auch der Zeilen entsprechend größer sein muß, was dann oft genug zu einer anderen Erziehungsform des Stockes führt. Während Rigolarbeit und Düngung im Herbst und Winter ausgeführt wurden, gelangt der junge Rebensetzling erst im Frühjahr und zwar den Monaten April, Mai bis spätestens Mitte Juni in den Boden, und zwar so tief, daß nur die obere, nach dem Pflanzrückschnitt belassenen zwei Augen (Knospen) herausschauen, die man aber nach dem sorgsamen Auspflanzen zum Schutze gegen zu starkes Austrocknen noch leicht mit Erde bedeckt, bis das Leben der Knospen geweckt ist und damit Wurzelbildung beginnt. Dann entfernt man den schützenden Boden und das freudig hervorlugende, blasse Triebchen grünt und reckt sich nach Eintritt lebhaften Innenlebens. Nur ein Triebchen aber wird dem Weinjüngling belassen, damit die Kraft der Wurzel ausreiche, ihm die für ihn wichtigsten Organe, die Blätter gut zu versorgen, ihre Flächen groß werden zu lassen, um so unter Hilfe des Lichtes reichliche Baustoffe zur Erzeugung breiter Blattmassen und – darauf kommt es recht sehr an – eines weit und tieffassenden Wurzelkörpers zu ermöglichen. Dann kommt der Herbst und der vorsichtige Winzer nimmt dem neckisch emporstrebenden Jungtriebe den unreifen Kopf, um den für weiteren Aufbau bestimmten Rebenkörper für den Winterfrost widerstandsfähig reifen zu lassen.

Während der Wachstumszeit ist sorgsam Unkraut entfernt, und der Boden, um das Wurzelleben zu fördern, mit Hacke gelüftet worden. Kurz vor Eintritt der Kälte ist der Körper für den Winter abgehärtet. Zur Vorsicht aber wird der Weinjüngling am Fuße mit Boden angehäufelt, um auf alle Fälle gut durch den Winter zu kommen, so lange er so zartes Körpergewebe hat, wie es das erste Jahr bringt. Dann folgt im zweiten Jahre zeitig ein Aufdecken und Zurückschneiden der jungen Reben bis herunter auf zwei Knospen, um wieder nahe am Boden kräftiges Laub zum Wurzelaufbau zu bilden, nur zwei Triebe macht jetzt der Stock, aber kraftvoll, so daß sie bei gleicher Behandlung den Sommer über im nächsten dritten Frühjahre bereits ihrer Bestimmung nach zwei Aufgaben erfüllen. Der obere der Zweige darf bereits versuchen, fruchtbar zu werden, er wird auf drei Knospen gekürzt, bildet also drei Triebe, von denen man meist schon Träubchen ernten kann, während die dem Boden nahestehenden auf zwei Knospen gekürzt werden und kraftvolle Triebe bilden sollen, die im vierten Jahre ebenfalls fruchtbar werden. Dann ist der Ertragsstock fertig, jedes Jahr mit einer etwa sechs bis sieben Knospen langen Tragrute nach der einen und ebenso nach der anderen Seite horizontal gebogen. Darunter je einen sogenannten Zapfen zur Bildung der Ersatzruten, von denen immer wieder die obere zu einer Tragrute, die untere zu einem Zapfen geschnitten wird. Die alten, mit aufrechtstrebenden Ruten versehene Ruten, die im Vorjahr Trauben brachten, werden entfernt. Das ist der neuste Rebenschnitt für den neuen Weinbau, der neben der Zuchtwahl zu den besten Erträgen führt. Im Sommer werden die aus dem Zapfen kommenden Triebe als – Zuchtruten – an den Pfahl gebunden, die auf dem Bogen der Tragruten austreibenden, die mit Träubchen versehen sind, drei bis vier Blätter über den Trauben gekürzt.

Der Sommer bringt, sich fortlaufend wiederholend die öftere Hackarbeit des Bodens, den Kampf gegen den falschen Mehltau – Peronospora viticola – und das Bestäuben mit Schwefel gegen den echten Mehltau – Oidium Tuckeri. – Gehoben wird letzten Endes der Erfolg im Ertrage durch einen gut gewählten Düngeturnus, der im Umlauf von drei Jahren im Herbste Stallmist, in den zwei Folgejahren eine mineralische Volldüngung, aus Phosphorsäure, Kali und Stickstoff zur Grundlage hat. Die Mengen dieser Düngerstoffe werden nach Absicht der geforderten Erträge höher oder tiefer gestuft. Dabei spielt grundlegend eine sogenannte ortsübliche Düngung eine Rolle als Richtschnur, dann werden Steigerungen, nach wirtschaftlicher Kraft des Besitzers und, wie schon gesagt, nach dem Wollen die denkbar möglichen Höchsterträge abzufordern, getroffen. Dabei soll aber die Grenze der Wirtschaftlichkeit nicht überschritten werden. Alle diese Wege sind neu, müssen aber befolgt werden, wenn unserem sächsischen Weinbau Leben gegeben und erhalten werden soll, da letzten Endes jede Kulturmaßnahme neben dem beruflich ideellen, auch den der Wirtschaftlichkeit in sich tragen muß und das tut sie hier, wenn man unsere Gedanken verfolgt.

Die Aufzucht der für Weinberganlagen benötigten Reben geschieht in der Hauptsache durch Heranzucht von amerikanischen Reben, deren Ruten als Unterlagen zur Aufpfropfung unserer Edelreben, die wiederum durch sorgsamste Selektion hochgezüchtet worden sind, so daß bei sorgsamer Zuchtwahl nur äußerst fruchtbare Pflanzen in den Weinberg gelangen. Dadurch werden mit den vorher geschilderten Maßnahmen die Erfolge und Erträge ungeheuer gefördert. Auch im Weinbau läßt sich erfolgreich nicht mehr wirtschaften, wenn die grundlegende Hochzucht außer acht gelassen würde.

Diese so gepfropften Reben werden dann im Gewächshause bei etwa vierundzwanzig bis achtundzwanzig Grad Reaumur zur Verwachsung gebracht, nach genügender Abhärtung, etwa nach einundzwanzig Tagen, ins Freie, die Rebschule in siebzig Zentimeter entfernte Zeilen, eng aneinander aufgeschult, zunächst durch Erddecken gegen Sonnenbrand geschützt, später – nach etwa acht Tagen – vom schützenden Boden befreit, öfter gehackt und öfter gegen Auftreten von Pilzkrankheiten gespritzt – mit Kupferkalkbrühe – und gegen Mehltau geschwefelt. Nach zweijährigen Stauden sind es kräftige Pflanzreben, die dann durch die sogenannte Drehprobe auf ihre Verwachsung geprüft, und wenn sie diese bestehen, dann dem Winzer zur Anpflanzung gereicht werden.

Wie werden nun die neuesten technischen Kenntnisse und Erfahrungen dem Winzer vermittelt? Soweit nicht allein die Vereinsarbeit Führung zu geben vermag, wie es der Weinbauverein Meißen und die Weinbaugesellschaft Oberlößnitz tun, steht der Weinbaulehrer des Landeskulturrates zur örtlichen, und zwar der befruchtendsten Führung zur Verfügung. Ganz wesentlich aber fördert die Vermittlung des Beispiels durch den Unterricht in den Lehrgängen der vom Landeskulturrate geförderten Weinbauversuchs-Lehranstalt und Hauptrebenzüchtungsstation zu Schloß Hoflößnitz, Oberlößnitz, an der im zeitigen Frühjahr ein Lehrgang über Anlage und pflegliche Behandlung der Weinberge, den Rebenschnitt mit praktischer Vorführung, im Juni über Grünbehandlung und Krankheitenbekämpfung, Juli Beerenweinbereitung, Herbst Lese, Kelterung der Trauben, Kellerbehandlung der Weine, Fehler und Krankheiten der Weine, deren Heilung und Verhütung stattfindet. Diese Lehrgänge haben bei einem Besuch von vierzig, sechzig bis achtzig Teilnehmern sehr segensreich eingeschlagen. Sie werden auch von Teilnehmern über das sächsische Weinbaugebiet hinaus regelmäßig gern besucht und vom Weinbaulehrer des Landeskulturrates, Landwirtschaftsrat Pfeiffer, geleitet. Dieser hier dargestellte neue Weg ist der Weg des Erfolges für den sächsischen Weinbau.

Für die Schriftleitung des Textes verantwortlich: Werner Schmidt – Druck: Lehmannsche Buchdruckerei
Klischees von Römmler & Jonas, sämtlich in Dresden