Nicht minder reich an wertvollen Baudenkmälern als die Oberlößnitz ist die Niederlößnitz, den Besucher erwartet hier eine Reihe hervorragender Baujuwele voll intimster Reize. Gleich eingangs liegt das »Grundhof« genannte malerische Grundstück an der Paradiesstraße ([Abb. 13][15]), das um 1700 vom Bruder August des Starken für die Gräfin Neidschütz errichtet wurde, eine Bauanlage, die in einfachsten Formen, mit allseitigem Walmdach, warmem gelben Putz und fröhlichem weißen Holzwerk unter malerisch emporrankendem Schlingbewuchs geradezu bestrickend wirkt, freilich auch mit vieler Liebe vom Architekten Rometsch baulich instandgesetzt und ausgebaut wurde. In einem interessanten 1801 entstandenen, wegen seines Dachreiters »Turmhaus« genannten Nebengebäude hat sich der Genannte ein feinsinniges Atelier ganz im Stile des Hauses eingerichtet, im vorderen Teil des Parkes aber ein neues Wohnhaus errichtet, das sich vorbildlich an die Wesensart des alten Landsitzes anlehnt und doch ganz selbständig erfunden ist.

Aufnahme von P. Georg Schäfer, Dresden

Abb. 13 Grundhof, Niederlößnitz

Wandern wir, der Oberen Bergstraße folgend, flußabwärts weiter, so gelangen wir zum Minkwitzschen Weinberg, ebenfalls mit prächtigem Park hinter hohen Steinmauern, das Wohngebäude freilich durch neuere Umbauten in seiner Wirkung beeinträchtigt. Um so auffälliger tritt das auf dem Bergrücken malerisch liegende Lusthaus in die Erscheinung, turmartig aus zwei übereinanderliegenden Räumen mit steilem Zeltdach und Dachreiterchen aufgebaut, ist es vorbildlich in die Umrißlinie des Berges eingefügt; trotz seiner geringen Größe wirkt es beherrschend. Auch bei diesem kleinen Bauwerk müssen wir die Treffsicherheit bewundern, mit der Bergmasse und Architektur zu einem Ganzen verschmolzen wurden ([Abb. 16]).

Aufnahme von Architekt Rometsch, Grundhof

Abb. 14 »Turmhaus« im Grundhof Niederlößnitz

Im Zuge der Mittleren Bergstraße stoßen wir ferner auf das Weinbergsgrundstück Friedstein, und zwar zunächst auf das infolge neuerer Umbauten etwas verbildete »Altfriedstein« (1740), seine einstigen vorzüglichen Bauformen sind noch deutlich erkennbar ([Abb. 17]). Unbegreiflicher Unverstand hat jedoch das Grundstück durch die Anlage einer neuen Straße entzweigerissen und eine unerfreuliche Eckunterbrechung des Herrenhauses zur Folge gehabt, auch ist durch den Straßenbau eine schöne Futtermauer mit Bogenblenden und Brunnenwerk (1790), die im herrschaftlichen Garten lagen, auf die Straße geraten. Auch Friedstein hatte sein »Lusthaus«, hoch oben auf dem Berg, es wurde 1771 bis 1772 vom Kaufmann Ehrlich erbaut, damals »Denkmal der Wohltätigkeit«, jetzt »Friedsteinburg« auch »Mätressenhügel« genannt. Es ist trotz seiner Schlichtheit von großer architektonischer Schönheit und zeichnet sich durch einen mittleren achteckigen Mansardenbau zwischen einfachen Seitenflügeln sowie durch ringsumlaufende breite balusterbewehrte Terrassen mit hohen Sandsteinsockeln aus. Wie [Abbildung 18] zeigt, ist dieses den Namen einer Burg ganz und gar nicht verdienende Lusthäuschen anmutig und majestätisch auf den Gipfel des Berges gestellt. Es versetzt uns mehr denn alle übrigen Lößnitzbauten mit zwingender Macht in die alten Zeiten, denn es zeigt sich uns noch im unveränderten Zustand, und der leise beginnende Verfall berührt dem Besucher seltsam das Herz: wieviel Menschenglück und -harm mag dieses »Lusthäuschen« und die es umgürtenden Gärtchen und Rosenhecken und die gekrümmten Steinbänke unter den diskreten Laubdächern gesehen und miterlebt haben? Es bestehen Pläne, auch dieses Dornröschen aus langem Schlafe zu erwecken, hoffen wir, daß dabei mit feinsinniger Hand das künstlerische Erbe der Großväter angetreten wird, dann wäre es nur zu begrüßen, wenn neues pulsierendes Leben in die verlassenen Räume einzieht[1].