Und sie weinte und klagte, und der Vater redete begütigend mit ihr, und seine Stimme wurde immer liebevoller und leiser, und endlich vernahm ich nichts mehr, als ein Flüstern, dessen Zärtlichkeit mir anzeigte, daß die Mutter wieder gut sei.
Da legte ich mich wieder hin und versuchte zu schlafen, doch obschon ich mich bald auf die eine, bald auf die andere Seite drehte, gelang es mir nach dem eben Gehörten nicht mehr. Am End stand ich auf, wusch mich mit kaltem Wasser und begann mich dann für die Frühmesse und Kommunion anzukleiden.
Kurz nach fünf Uhr verließ ich das Haus und begab mich in die matt erhellte Kirche, wo nur etliche Beterinnen und vier Klosterfrauen knieten. Ich setzte mich in eine der vordersten Bänke und erwartete meinen Bräutigam.
Ohne Teilnahme, ohne Andacht und ohne Bewegung saß ich da und blickte stumpf auf den riesigen Kronleuchter vor dem Tabernakel. Die rote Ampel ließ kaum das kleine Lichtlein durchscheinen, und der weite, schmiedeeiserne Reif darum bewegte sich leise hin und her.
Wenige Augenblicke vor Beginn der Messe, als eben der Kirchendiener die Kerzen des Altars entzündete, kam der Benno. Leise trat er in meinen Stuhl und begrüßte mich flüsternd. Dann kniete er sich nieder, zog ein Andachtsbüchlein aus der Tasche und schien recht gesammelt und ehrfurchtsvoll zu beten. Ich aber versuchte vergebens, ein Vaterunser zu vollenden; schon bei der dritten oder vierten Bitte war ich mit meinen Gedanken wieder in der Welt und in der Zukunft. Erst als der Ministrant bei der Wandlung mit seinem silbernen Glöcklein zur Anbetung des menschgewordenen Gottes mahnte, konnte ich der frommen Handlung folgen und empfing andachtsvoll das Sakrament des Lebens.
Nach der Kirche gingen wir zusammen bis zu unserm Haus und trennten uns mit gemessenem Gruß.
Unsere Fanny, meines Vaters jüngste Stiefschwester, die seit einem halben Jahr im Hause war und schon etliche Wochen hindurch hatte lernen müssen, all die Arbeiten zu tun, welche sonst ich zu verrichten hatte, war inzwischen schon mit dem Kaffeekochen fertig und ich trank schnell meine Tasse. Dann ging ich ins Bad und begann danach in meinem Zimmer mich mit der feinen Wäsche zu bekleiden, die mir die Haslermutter zur Brautgabe gesandt hatte; denn es war bei uns der Brauch, daß die Braut für den Bräutigam und wiederum er für die Braut jenes Hemd anschaffte, das den Körper am Tag der Vermählung bekleidet. Nach der Hochzeit wird es dann gewaschen und aufgehoben bis zum Tod, wo es noch einmal die Glieder kleiden soll. Es waren recht ernste Gedanken, die mich dabei bewegten, und ich besah mich nachdenklich im Spiegel, nachdem ich das kostbare Linnenhemd angetan hatte. Doch gewann bald meine muntere Natur die Oberhand, und als ich meine Füße in die weißen, seidenen Strümpfe hüllte und in die feinen Stiefelchen aus weißem Leder schlüpfte, kam es mir plötzlich in den Sinn, zu versuchen, ob ich in diesem Schuhwerk auch gut tanzen könne. Und ich stand auf und begann erst allerhand Schritte zu machen, und dann tanzte ich auf dem weichen Teppich und summte dazu die Donauwellen.
Da ging die Tür auf und die Mutter und der Vater kamen herein. Erstaunt sahen sie mich an, und der Vater meinte: „Schau, schau, wie ’s Bräutl scho munter is! Denkst leicht, wenn ma in Ehstand einitanzt, na hat ma mehra Glück? Da paß nur auf, daß dir koan Fuaß vodrahst, sunst is vorbei mit der Freud!“
Nach diesen Worten ging er hinab ins Geschäft. Die Mutter aber befahl mir kurz: „Ziag den Schlafrock o, den i auf mei Bett g’legt hab, na gehst nüber zum Teuerl und laßt di frisiern!“
Ich ging, nachdem ich den feinen, dunkelroten Schlafrock angezogen und der Mutter dafür gedankt hatte.