Das Frisieren dauerte über eine Stunde, da der Fritzl, der kleine Sohn des Friseurs, das Brenneisen erwischt und verräumt hatte, so daß über dem Suchen beinahe eine halbe Stunde verrann.
Endlich trat ich fein gelockt und gescheitelt aus dem Laden und lief geschwind heim; denn es schlug eben neun Uhr und um halb zehn Uhr war schon das Frühstück angesagt.
Als ich wieder in mein Zimmer kam, fragte die Mutter, ob ich das Brautgewand gleich mitgebracht hätte. Da fiel mir erst ein, daß die Schneiderin versprochen hatte, um sieben Uhr schon da zu sein. Ich lief daher schnell ins Nachbarhaus zu ihr und fragte, warum sie denn nicht käme. Sie war recht krank geworden und konnte sich kaum aufrecht halten, ihre Gehilfin aber war nicht gekommen. Inständig bat ich sie, sie möge doch versuchen, mitzukommen, da ich ja sonst nicht heiraten könne. Da zog sie sich doch an, packte das Kleid und die Nadelbüchse zusammen und ging mit. Nun sperrte die Mutter ihren Salon auf, und ich wurde vor dem großen Spiegel angekleidet und mit Kranz und Schleier geschmückt.
Als sie fertig war, ging die Nähterin wieder nachhause und bat, man möge ihr das herkömmliche Mahl hinaufschicken.
Nun stand ich also bräutlich angetan da und ein feierliches Gefühl überkam mich.
Da trat die Mutter zu mir, besah mich lange, und es kam wieder etwas Böses in ihren Blick, das ich schon kannte und fürchtete. Eine große Angst befiel mich und ich war unfähig, mich zu rühren, noch zu reden, als sie begann: „Also, heunt bist erlöst vo mir; werd dir net gar z’wider sei, dös! Jatz kannst dein Mo ärgern, wie’st bis heunt mi g’ärgert hast!“
Ich konnte kein Wort erwidern und sie fuhr fort: „I wollt dir z’erscht hundert Mark Taschengeld gebn, aber i tua’s net. Leicht kannt’s eahm gar net recht sei, an Hasler! Aber den Frauntaler gib i dir; den kannst dir aufhebn, bis d’ amal nix z’fressn mehr hast. Und mein Wunsch will i dir aa no sagn: du sollst koa glückliche Stund habn, so lang’st dem Menschn g’hörst, und jede guate Stund sollst mit zehn bittere büaßn müaßn. Und froh sollst sei, wannst wieder hoam kannst; aber rei kimmst mir nimma. Jatz woaßt es!“
Ich war während dieser grausigen Worte wie unter Peitschenhieben zusammengezuckt; ein unsagbar elendes Gefühl überkam mich, und dann fiel ich ohne Besinnung zu Boden.
Als ich wieder zu mir kam, fand ich mich auf einem der bequemen Polsterstühle, und um mich standen zitternd die alte Haslerin und ihre Schwester Hanne, der alte Hasler, die zwei Beiständer oder Trauzeugen und die Kranzljungfern. Meine Mutter bemühte sich schluchzend und jammernd um mich und reichte mir mit den Worten: „Geh, trink a bißl, arms Kind!“ ein Gläschen Wein. Willenlos ließ ich es geschehen, daß man es mir eingab, obschon ich das Gefühl hatte: jetzt vergiftet sie dich. Doch war es nicht so, und ich bekam in den nächsten Minuten immer mehr die Empfindung, daß ich das Furchtbare zuvor nur geträumt; denn die Mutter war so voll Schmerz über mein Scheiden und schien in Tränen aufgelöst. Sie zog mich an sich und rief: „Viel Glück, mei liabs Kind! Jatz gehst halt und laßt mi alloa! Bleib mir g’sund und vergiß mi net!“
Dann schritt sie gerührt von einem zum andern, gratulierte, klagte und weinte, wie es gerade paßte, bis die Kellnerin meldete, daß der Bräutigam warte.