„Moanst, du kriegst Schläg, Lenerl?“
„I glaab scho!“ antwortete ich, und damit war ich schon wieder über die Stiegen hinunter. Nun lief ich wieder zur Feldherrnhalle und fragte dort die Leute: „Sie, bitt schön, ham Sie nöt da a Sackerl liegn sehgn mit an Büacherl drinn und zwanzig Mark Geld?“ Da lachten die einen, die andern bedauerten mich; aber gewußt hat keiner was. Nun packte mich die Angst und ich fing an zu weinen und traute mich nicht mehr heimzugehen. Ich lief durch die Maximilianstraße über die Brücke und immer weiter, bis ich zum Ostbahnhof kam.
Plötzlich fiel mir mein Großvater ein, und als es in diesem Augenblick fünf Uhr schlug, dachte ich: „Jatz derfst nimma hoam kommen, jatz is fünfe; Geld hast aa koans mehr, jatz laafst zum Großvater, der hilft dir schon.“
Ich lief also durch die Bahnhofshalle, und da ich noch wußte, auf welchem Gleis er damals abgefahren war, sprang ich zwischen die Schienen und rannte davon, so schnell ich konnte, immer auf dem Bahndamm dahin, an den Bahnwärterhäuschen vorbei, bis ich nach Trudering kam.
Als ich dort an dem Bahnhof vorbeilaufen wollte, schrie mich einer an: „He, du, wo laafst denn hin mit dein Körbl?“
„Furt!“ rief ich und damit sauste ich weiter.
Indem hörte ich einen Zug hinter mir herkommen und zur Seite springend dachte ich: „Wennst jatz no a Geld hättst, na kunntst mitfahrn!“
Als der Zug vorbei war, lief ich hinterdrein; doch der war schneller als ich. Bald darauf kam auf dem andern Gleis ein Zug, der nach München fuhr. Da schauten die Leute aus den Fenstern mir verwundert nach, wie ich so mit meinem Korb zwischen den Schienen dahinsprang.
Schon wurde es dunkel, als ich ganz erschöpft nach Zorneding kam. Ich schleppte mich vom Bahnhof in das Dorf; denn ich konnte nicht mehr weiter vor Seitenstechen und Herzklopfen. Neben dem ersten Hause war ein Brunnen, und als ich trinken wollte, lief eine Frau auf mich zu und rief: „Ja, mein Gott, Kind, trink doch net! Dir rinnt ja der Schweiß übers Gsicht; dös kunnt ja dei Tod sein, wannst jatz trinka tatst.“ Und erst, als sie mir Gesicht und Hände mit Wasser gekühlt hatte, ließ sie mich trinken.
Inzwischen war es Nacht geworden. Mein Seitenstechen, das immer heftiger wurde, zwang mich, im Dorf zu bleiben, und als ich vor einem kleinen Hause eine Bank fand, legte ich mich darauf und nahm den Korb zu einem Kopfkissen; aber ich schlief nur schlecht und träumte schwer.