Als es Tag wurde, wollte ich weiter; aber ich war so elend, daß ich mich nicht rühren konnte. Während ich noch so dalag, trat eine Frau aus dem Haus, und als sie mich sah, rief sie erschrocken: „Jessas, wo kimmst denn du her, Kind, und wo möchst denn hin?“
„Zu mein Großvater!“ entgegnete ich leise; denn ich war heiser, „der muaß ma helfa; wissn S’, i hab’s Geld verlorn beim Fleischaustragen und da hab i ma nimma hoam traut; denn mei Muatta wenn mi findt, dö bringt mi um.“
„No, no, so g’fährli werd’s net sei; dei Muatta werd aa koa Ungeheuer sei! Geh nur wieder schö hoam!“ So redete sie mir zu und tröstete mich und nahm mich mit in die Stube, gab mir einen Kaffee, rief ihrem Mann und erzählte ihm, was ich ihr gesagt hatte. Der brachte mich dann am Vormittag wieder mit der Bahn nach München zurück zu meinen Eltern und bat sie, mich nicht zu strafen; denn ich sei anscheinend recht krank.
An dem Tag hat meine Mutter mich nicht geschlagen, doch redete sie mich mit keinem Worte an und tat, als sei ich gar nicht da. Am Abend aber mußte der Vater einen Arzt holen, weil ich heftiges Fieber hatte. Während der schweren Lungenentzündung, an der ich nun lange krank lag, hat der Vater mich fast allein gepflegt; denn die Mutter sprach nur das Nötigste und kümmerte sich im übrigen nicht um mich. Das verlorene Geld hatte die Frau Kommerzienrat ihr inzwischen ersetzt.
Etliche Wochen später kam mein Großvater, und als ich mit ihm allein war, begann ich ihm weinend mein Leid zu erzählen. Da wurde er recht aufgebracht und sagte, er wolle gleich mit der Mutter reden; aber ich bat ihn, dies nicht zu tun; denn was wäre die Folge gewesen! Auf meine Bitten versprach er mir, ich dürfe, wenn die Mutter mich noch länger so behandle, wieder zu ihm. Das geschah denn auch bald auf die folgende Begebenheit hin.
Ich hatte zwei Freundinnen, die bei uns im Hause wohnten, und die ich an den Sonntagen nachmittags manchmal besuchen durfte, wenn die Eltern fortgingen. Da sprachen wir denn über verborgene Dinge und trieben mancherlei Heimliches, was wohl die meisten Kinder in diesem Alter, ich war damals elf Jahre alt, tun. Auf Verschiedenes, was ich nicht wußte, war ich freilich erst durch meinen Beichtvater und Religionslehrer aufmerksam gemacht und durch seine Fragen dazu verführt worden.
„Hast du dich unkeuschen Gedanken hingegeben?“ pflegte er bei der Beicht zu fragen. „Wie oft, wann, wo, über was hast du nachgedacht? — Hast du da an unzüchtige Bilder oder an Unreines am Menschen oder an Tieren, an gewisse Körperteile gedacht und wie lange hast du dich dabei aufgehalten? — Hast du unzüchtige Lieder gesungen, schamlose Reden geführt mit andern Kindern? — Hast du dich unkeuschen Begierden hingegeben? — Ist dir niemals die Lust angekommen, einen unreinen Körperteil an dir zu berühren? — Hast du dieser Begierde nachgegeben? — Wann, wo, wie oft, wie lange hast du dich bei dieser Sünde aufgehalten? — Hast du das mit dem Finger, mit der Hand oder mit einem fremden Gegenstand getan? — Hast du mit andern Kindern Unkeuschheit getrieben? — Wie habt ihr das gemacht? — Hast du Tieren zugesehen, wenn sie Unreines taten? — Hast du Knaben angesehen oder berührt an einem Körperteil?“
Als der Herr Kooperator das erstemal so fragte, erschrak ich heftig; denn, wie gesagt, wußte ich von manchem dieser Dinge noch gar nichts und schämte mich sehr. Mit jeder neuen Beichte aber verlor sich diese Scham mehr und mehr; besonders, seit er mich in der Religionsstunde des öfteren aufforderte, ihn zu besuchen, unter dem Vorwand, ihm etwas zu bringen, wobei er dann in seiner Wohnung mich unter Hinweis auf die letzte Beichte wieder bis ins einzelne über diese Dinge ausfragte.
Davon sprachen wir Mädchen nun auch auf dem Schulweg oder wenn wir in der Pause beisammen waren, und die eine erzählte der anderen ihre kleinen Sünden.
Da wurde ich eines Tages zu dem Herrn Oberlehrer gerufen, und als ich vor ihm stand, begann er in strengem Ton: „Ich habe durch eine deiner Mitschülerinnen vernehmen müssen, daß du in Gemeinschaft mit andern Mädchen unsittliche Handlungen vollführt hast. Ich muß dich deshalb ebenso wie die andern, die dir wohl bekannt sind, mit Karzer bestrafen. Deinen Eltern wird es mitgeteilt werden. Hast du darauf etwas zu erwidern?“