Ich hatte nichts zu erwidern und machte mich, nachdem ich um sechs Uhr aus dem Karzer entlassen war, zitternd auf den Heimweg; denn ich wußte, wie es mir ergehen würde. Geraden Weges heimzugehen vermochte ich nicht, sondern ich kam auf einem Umweg in die Isaranlagen, wo ich mich auf eine Bank setzte und überlegte, ob ich nicht lieber ins Wasser springen sollte. Am End aber siegte doch die Schneid und ich stand auf und ging nachhaus.

Ganz langsam schlich ich mich dort über die Stiegen hinauf, stand lange vor der Wohnungstür und betete: „Vater unser, der du bist im Himmel! Laß mi net umbracht werdn! Heilige Maria, Mutter Gottes, laß mi net derschlagn werdn! Heiliger Schutzengel, hilf mir do! I will’s g’wiß nimma toa!“

Endlich läutete ich.

Hinter der Tür aber lehnte schon der Totschläger; und als ich eintrat, empfing mich die Mutter mit einem wuchtigen Schlag. Hierauf gebot sie mir, mich auszuziehen. Als ich im Hemd war, schrie sie mich an: „Nur runter mit’n Hemd! Nur auszogn! Ganz nackat!“

Darauf mußte ich niederknien, und nun schlug sie mich und trat mich mit Füßen wider die Brust und den Körperteil, mit dem ich gesündigt hatte. Da schrie ich laut um Hilfe, worauf sie mir ein Tuch in den Mund stopfte und abermals auf mich einschlug. Dabei trat ihr der Schaum vor den Mund, und keuchend schrie sie mich während der Züchtigung an: „Hin muaßt sein! Verrecka muaßt ma! Wart, dir hilf i!“

Als sie erschöpft war, rief sie dem Vater, der im Schlachthaus gearbeitet hatte, und ruhte nicht eher, bis auch er den Stock nahm und mich noch einmal strafte. Darauf sperrten sie mich in meine Kammer und gingen fort.

Durch meine Hilferufe war die Frau Baumeister Möller, die über uns wohnte, aufmerksam geworden; und als sie mich in meiner Kammer noch lange Zeit laut weinen hörte, rief sie mir von ihrem Balkon aus zu: „Warum hat s’ di denn wieder so g’prügelt? Komm, mach auf, dann komm i zu dir nunter!“

Ich sagte ihr, daß ich eingesperrt sei. Da rief sie unserm Nachbarn, dem Schlosser. Der mußte aufsperren; und als sie hereinkam und mich sah, erschrak sie sehr; denn mir lief das Blut über die Arme und den Rücken herunter und Brust und Leib waren ganz blau und verschwollen. Sie war so erregt über die mir widerfahrene Behandlung, daß sie meiner Bitte, mich zu meinem Großvater zu bringen, sofort nachgab. Sie zog mich sauber an und wir fuhren noch mit dem Abendzug heim.

Es war schon tiefe Nacht, als wir ankamen, und ich mußte lange unter dem Fenster rufen, bis mich die Großeltern hörten. Der Großvater öffnete das Haus und fragte, indem er uns in die Stube führte, erschreckt: „Insa liabe Zeit! Lenei, wo kimmst denn du no so spat her? Was is denn nur grad passiert und wer is denn dös Wei da?“

Da berichtete ihm Frau Möller kurz das Geschehene, worauf er sagte: „Naa, Dirnei, da kimmst ma nimma eini! Jatz bleibst bei mir da; so viel ham ma, daß ’s g’langt!“