Sang sie nicht, so war das ein Zeichen ihrer schlechten Laune, und da konnte sie dann auch bösartig sein und einem alles zum Trotz tun. Schalt ich sie, so lief sie zu ihrer Schwester, der Tante Babett, diese lief zur Mutter und die Mutter kam über mich; und hatte ich zuvor nur eine wider mich gehabt, so waren es jetzt drei.

Da überwarf sich die Tante Babett mit meinem Vater und verließ ganz plötzlich das Haus. Es war nämlich aufgekommen, daß sie jeden Morgen auf einem Umweg in die Kirche gegangen war. Auf diesem Weg aber wohnte ein Bräubursch. Der hat sie jedoch nicht geheiratet, weil sie, wie er sagte, ihm zu fromm sei und es mit den Pfarrern hielte. Nach ihrem Weggang wurde die Zenzi in der Küche und dem Hauswesen verwendet und ich mußte wieder die Kindsmagd machen.

Da geschah es oft des Abends, daß die Kinder nicht einschlafen wollten; ich mußte mich aber schicken, um wieder hinunter in die Wirtschaft zur Arbeit zu kommen. Da das Zureden nichts nützte, half ich mir schließlich auf folgende Weise: Aus einem Bettuch machte ich mir ein weißes Gewand, aus gelben Bierplakaten zwei Flügel und aus einem Lampenreif die Krone. So ging ich zu ihnen ins Schlafzimmer, wo nur ein rotes Nachtlicht brannte, trat an das Bett des zweijährigen Maxl und fing leise an zu singen. Ganz andächtig mit geschlossenen Augen hörte er mir zu, während der vierjährige Hansl mich beobachtete, ohne mich zu erkennen. Am andern Tag erzählte der jüngere es dem älteren und sagte: „Du, Hansl, heut auf d’Nacht is mei Schutzengel da g’wen mit goldene Flügeln und an weißen Kleid; der hat schön gsunga!“

Darauf sprach der Hansl: „I hab’s scho g’sehgn, aba i hab mi nix z’sagn traut, sonst hätt i’hn verjagt.“

Ich verbot ihnen, irgend jemandem etwas davon zu sagen und machte nun jeden Abend den Schutzengel.

Wie ich nun wieder einmal vor dem Bett stehe, geht die Tür auf und die Mutter kommt herein. Der Hansl ruft ihr noch zu: „Sei stad, Mama, da Schutzengel is da!“ als sie schon schreit: „Du Herrgottsakermentsg’ripp, du zaundürrs! Dir werd i’s austreibn, an Engl z’macha!“ Und damit reißt sie mir die Flügel herunter und jagt mich unter Püffen aus der Stube. Die Kinder begannen zu schreien und zu weinen und die Mutter beruhigte sie, indem sie sie über den Frevel, wie sie sagte, aufklärte und ihnen Schokolade gab.

Von der Stunde an betrachteten mich die Brüder mit kindlicher Verachtung und wollten mir lange nicht mehr folgen.

Dann kam eine Zeit, wo die Mutter mich wieder besonders quälte; sie war aber auch gegen andere Leute recht barsch, vor allem gegen den Vater. Dabei wurde sie immer stärker, und nun wußte ich, daß wieder ein Kind kam. Daß dem so war, das hatte ich eines Tages nach der Turnstunde erfahren, als ich mit mehreren Mädchen meiner Klasse, ich war damals dreizehn Jahr alt, nach Hause ging. Da begegnete uns eine Frau, die in andern Umständen war, und auf die Frage der Babett: „Warum is denn dö unten so dick und obn so mager?“ entgegnete ich: „Ja, weils halt ihr Korsett verkehrt anhat.“

„Du irrst!“ sagte darauf die Else, eine Lehrerstochter. „Die Frau trägt überhaupt kein Korsett, sondern die bekommt ein Kind.“

„Ja, die Else hat recht,“ mischte sich eine vierte, die Anna, ins Gespräch, „mei Mutter war auch so dick, dann ham ma zwoa Bubn kriegt; dann is s’ im Bett g’legn, und wie s’ wieder aufg’standn is, war s’ wieder ganz mager. Jetzt möcht i nur wissn, wie dö rauskomma san.“