„Das kann ich dir schon sagen,“ erwiderte die Else. „Mein Papa hat zu Hause ein Buch, darin hab ich’s gelesen: Wenn ein Mann mit einer Frau ins Bett geht und mit ihr was Schlimmes treibt, legt er ihr ein Ei in ihren Körper; dann tut er wieder was Böses mit ihr, dadurch kommt das Ei in den Magen der Frau, und die brütet es aus und aus dem Nabel kommt das Kind mittels der Nabelschnur.“

„Du spinnst ja!“ rief jetzt die Theres. „Da hast halt aa net recht g’lesn! I woaß von meiner Schwester, die von dem Doktor dös Kind hat: dös Ei liegt net im Magn, sondern im Bieserl. Da tut der Mann mit der Frau was Böses und dann kommt’s in Bauch und nach einem halben Jahr kommt ’s Kind unten raus. Und da braucht ma die Hebamm zum Aufschneidn und Zunähn.“

Mit Gruseln hörten wir zu und daheim untersuchte ich, als ich allein war, sogleich mit einem Spiegel, ob das mit dem Kind wirklich möglich sei; da hab ich gefunden, daß es unmöglich sei.

Aber die Mutter bekam bald danach doch den Ludwigl, und da ich in Ermangelung einer Wochenbettpflegerin alle bei einer Niederkunft notwendigen Arbeiten tun mußte, so konnte ich ziemlich den ganzen Verlauf der Geburt beobachten.

Als ich dann die Mutter laut jammern und klagen hörte, hatte ich viel Mitleid mit ihr und nahm mir zugleich fest vor, niemals mit einem Mann was Böses zu tun. Im übrigen hatte ich nicht viel Zeit zum Nachdenken; denn den ganzen Tag bis spät in die Nacht ging es treppauf, treppab und hieß es arbeiten, damit die Mutter zufrieden war.

Von dem Besuch höherer Schulen hielt meine Mutter damals noch nicht viel, und so mußte ich, als ich aus der Werktagsschule entlassen war, in die Mittwochschule gehen, die meist von Dienstmädchen und den Töchtern der Armen besucht wurde. Bei den geringen Anforderungen, die hier an die wenig wißbegierigen Mädchen gestellt wurden, war ich bald das verrufene und doch zur rechten Zeit vielbegehrte „G’scheiterl“ und brachte am Schluß des ersten Jahres die beste Note nach Hause. Zum Lohn dafür durfte ich mit einem jungen Mädchen aus dem Nachbarhause, das ebenso bleichsüchtig wie ich war, in den Ferien zu den Großeltern aufs Land.

Da nun mein Großvater damals schon ziemlich schwer erkrankt war, schien es der Großmutter um der Ruhe willen, deren der Kranke bedurfte, ratsamer, uns zur Nanni zu schicken. Diese hatte in einem unverständlichen Anfall von Besorgnis, daß das Anwesen in Westerndorf ihr zum Ruin werde, dasselbe verkauft und erst nach einem halben Jahr gemerkt, welch schlechten Tausch sie gemacht hatte, indem sie dafür eine ganz alte, morsche Hütte ohne Obstgarten in Haslach genommen, lediglich um der Äcker willen, die zwar bedeutend größer waren, aber jedes Jahr von schweren Hagelwettern heimgesucht wurden. Sie war also froh, etwas an uns zwei bleichen Hopfenstangen, wie sie uns nannte, zu verdienen. Freilich wäre ich gern beständig um meinen Großvater gewesen; aber die Großmutter litt meine Anwesenheit nie lange und schien förmlich eifersüchtig darauf zu sein, ihn allein zu pflegen. So streiften wir zwei Mädchen durch Wald und Wiesen, fingen Fische und Krebse und hingen mit einer Zärtlichkeit aneinander, daß wir nachts zumeist in einem Bett beisammen schliefen; ja, als wir nach Vakanzschluß wieder heimwärts fuhren, gelobten wir uns noch im Bahncoupé ewige Treue und Freundschaft.

Einige Monate später, es war an einem Dezembertag, rief meine Lehrerin mich kurz nach Beginn des Unterrichts hinaus und reichte mir ein Telegramm. Da ich schon seit einigen Tagen die Sorge um meinen kranken Großvater nicht los werden konnte und besonders in der letzten Nacht durch einen schweren Traum geängstigt ward, so war mein erster Gedanke: Er ist tot. Als ich die Worte: „Lenei, komm, Vater stirbt!“ gelesen hatte, rannte ich, ohne mich zu entschuldigen, oder meine Kleider und Schulzeug zu nehmen, halb besinnungslos nach Hause. Aber die Mutter ließ mich nicht fort, und so lief ich in Groll und Verzweiflung umher, weinte und schlug meine Fäuste gegen den Kopf und fand doch keinen Ausweg. Und als am andern Tag ein weiteres Telegramm kam des Inhalts: „Vater tot, wird Samstag früh eingegraben,“ war ich ganz gebrochen; denn es schien mir, als wäre mit dem Toten alle Hilfe und Stütze dahin. Jammernd und wehklagend lief ich durchs Haus und die Mutter erreichte weder mit guten noch bösen Worten etwas. Und als sie mir auf meinen Vorwurf: „Warum habt’s mi nimma zu ihm lassn!“ Strafe androhte, stürmte ich von der Wirtsküche die vier Stiegen hinauf und wollte mich in den Hof hinunterstürzen. Doch in diesem Augenblick riß mich jemand vom Fenster herab, worauf ich ohnmächtig zusammenbrach.

Von dem darauffolgenden Tage ist mir keine Erinnerung geblieben; am übernächsten Morgen aber war ich schon früh um fünf Uhr mit der Mutter auf dem Wege zur Bahn, beladen mit Kränzen und von Schmerz und dumpfer Trauer ganz betäubt. Ich weinte keine Träne mehr im Zug, wo wir mit den Verwandten der Mutter und den Kostkindern zusammentrafen. Stumm blickte ich aus dem Coupéfenster in die verschneite Landschaft und sah überall das gütige Antlitz des Toten.