Als wir daheim in die Stube traten, wo der Verstorbene aufgebahrt lag, stürzte ich der Großmutter, die auf dem Kanapee saß, an den Hals und wir vergaßen ganz, daß so viele mit ihr reden wollten. Als mich endlich die Mutter wegzog und sagte: „Komm, Mutter, red mit den Kindern!“ sah ich beim Aufstehen erst, daß die Frau ganz schneeweiß und fast erblindet war vor Gram und Kummer.
Indem traten die vier Männer, welche nach der Aussegnung den Sarg zum Friedhof zu tragen hatten, in die Stube. Flehentlich bat ich sie, ihn nochmals zu öffnen, damit ich den Großvater noch einmal sähe. Und als sie endlich meinen Bitten nachgaben, schrie ich laut auf vor Schreck und Weh: der Tote hatte Augen und Mund weit offen und war furchtbar entstellt, teils von dem entsetzlichen Leiden der letzten Tage, teils von der vorgeschrittenen Verwesung.
Da ertönte lautes Beten, und herein in die Stube trat der alte Pfarrer mit den Ministranten und dem Lehrer, die Leiche auszusegnen, gefolgt von einer teilnehmenden und neugierigen Menge.
Unter dem wimmernden Geläute des Totenglöckleins setzte sich der Zug in Bewegung. Ich führte die Großmutter, und wir waren beide ganz still geworden; meine Mutter aber hatte schon, während die Geistlichkeit ihre Psalmen und Gebete sang, laut zu schreien begonnen, und auf dem ganzen Wege durchs Dorf bis zum Gottesacker hörten wir ihr Schluchzen und Jammern.
Schier endlos war der Zug der Leidtragenden, und erst jetzt merkte man, wie geehrt und beliebt der Handschuster in der Gegend gewesen war; ja, lange nach seinem Tode konnte man noch gelegentlich hören: „Ja, der Handschuasta, dös is a kreuzbrava, rechtla Mo g’wen; da derfs lang geh, bis a söllana wieda amal z’findn is; mir hat er aa selbigsmal bei dem Brand mein Buam aus’n Feuer g’holt und hernach ’s ganze neue Haus umasinst ausg’weißt.“
Nachdem nun der Sarg niedergestellt und eingesegnet war, schickten die Männer sich an, ihn ins Grab hinabzulassen. Da vergaß ich alles um mich her und ganz in dem Gedanken, daß bei dem Toten auch für mich Ruhe sei, stürzte ich auf das offene Grab zu und fiel besinnungslos fast hinein. Man bemühte sich um mich, und als ich wieder zu mir kam, hörte ich eine alte Bäuerin neben mir sagen: „Dös is a schlechts Zoacha g’wen, i moan allweil, da Handschuasta holt si’s Lenei bal; schaugt a so aus wia dö teuer Zeit, dös Dirndl!“ Da hoffte ich im stillen, dieses Zeichen würde bald wahr werden, und wurde wieder ruhig, so daß man mich abermals ans Grab führen konnte.
Der Herr Pfarrer hielt eben die Grabrede und sprach gerade von dem felsenfesten Glauben, den der Verstorbene in all seinem Tun gezeigt habe: „Herr, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort hin will ich das Netz nochmals auswerfen! Diese Worte des heiligen Petrus hat der Handschuster sich in allen Lebenslagen zur Richtschnur gesetzt. Es war ihm gleich, ob bei einer Arbeit, einer Dienstleistung oder einem guten Werk etwas herausschaue und zu profitieren sei, oder ob er dies Werk umsonst verrichten müsse. Ihm genügte es, daß seinem Nachbar damit geholfen war. Dieser seiner Überzeugung verdanken auch die hier versammelten Leidtragenden und Kostkinder des Handschusters ihre wohlbegründete Existenz, ja teilweise ihren Wohlstand, und haben sie ja selbst, wie sie durch ihr Hiersein beweisen, gegen den teueren Verstorbenen und dessen selbstlose Liebe und Fürsorge einer Pflicht der Dankbarkeit genügen wollen. Dieser große Glaube, der nicht fragt und nicht zweifelt, nicht zögert und nichts verbessern will, dieser Glaube überzeugt auch mich davon, daß unser lieber Herr, gleich wie zu Petrus, auch zu ihm sagt: ‚Selig bist du, weil du geglaubt hast!‘ Weinet nicht, die ihr hier am offenen Grabe steht; er wird auferstehen. Weine nicht, treue Mutter, die du ihn gepflegt hast Tag und Nacht und mit ihm getragen hast Freud und Leid, Sorg und Arbeit in stiller Entsagung dessen, was andern die Ehe bietet! Viele sind berufen, wenig auserwählt, und wer es fassen kann, der fasse es. Drum weine nicht, Mutter der Gemeinde, Mutter unserer Verlassenen und Verwaisten; weinet nicht, ihr Kinder; denn er will nicht euere Tränen, sondern euer Gebet. Darum wollen wir uns vereinigen zu einem andächtigen Vaterunser und Ave-Maria.“
Nach dem Trauergottesdienst in der Kirche, der dem Begräbnis folgte, begaben sich meine Mutter, die Nanni mit ihren Angehörigen, der Bastian und die Kostkinder zum Huberwirt, um den Leichenschmaus zu halten. Die Großmutter wollte nicht mitgehen; doch ließ sie sich am End überreden, wenigstens in der Wirtsküche ein paar Worte mit einigen Bekannten und dem Huberwirt zu sprechen. Ich war mit in die Gaststube getreten und stand nun in einer stumpfen Teilnahmslosigkeit am Ofen, während die Verwandten, noch ehe sie die Wintermäntel abgelegt hatten, in lebhaften Streit geraten waren wegen der Habseligkeiten des Großvaters, die noch nicht verteilt worden. Jedes wollte das schönste und meiste haben, und des Hausls Schatz, den der Großvater sorgsam für mich aufbewahrt hatte, wurde mir auch genommen. Nach den letzten Bestimmungen des Verstorbenen, der kein Testament gemacht hatte, mußte das Haus noch vor seinem Tode verkauft werden und der Erlös wurde gleichmäßig unter die Kinder verteilt, nachdem für die Großmutter tausend Mark beiseite gelegt waren. Diese tausend Mark nahm dann die Nanni an sich und behielt dafür die Großmutter bis zu deren Tod.
Während meine Mutter und die andern sich noch stritten, kam der Huberwirt in die Gaststube herein, führte die Großmutter am Arm und sagte, zu meiner Mutter gewendet: „Dös is der Handschuasterin scho dös Irgst, daß ’s Lenei nimma kemma hat derfa, bevor der Handschuasta g’storbn is; er hätt no so viel z’redn g’habt mit ihr und hat in oan Trumm g’sagt: ‚Kimmt’s Lenei no net? Geh, Muatta, schaug, ob’s jatzat kimmt!‘“
Verlegen entgegnete meine Mutter: „Lieber Gott, ’s Telegramm ist eben zu spät g’schickt wordn.“