Da stürzte ich voller Zorn aus meinem Winkel hervor, trat vor die Mutter hin und schrie sie an: „Net wahr is! Sag’s nur, daß d’ mi net raus hast lassen! O mein Gott, und er hat so viel nach mir verlangt! I hab’s ja g’spürt und hab koan Ruh g’habt Tag und Nacht. Dös vergiß i dir net, Muatter, daß d’ so hart und ohne Herz g’wen bist!“ Damit nahm ich die Großmutter am Rock und zog sie zur Tür hinaus. Sie folgte mir ohne Widerstreben, während die andern alle ganz still geworden waren und die Mutter sich umständlich schneuzte.

Auf der Straße sagte die Großmutter plötzlich: „O mei, mir kinnan ja nimma hoam!“ und begann laut zu schluchzen. Da meinte ich: „Komm, Muatter, gehn ma zum Vater ’nauf!“ Und so gingen wir wieder zum Friedhof, und am Grabe redete sie mit dem Toten, wie wenn er noch lebte und mit ihr auf der Hausbank säße: „Woaßt, Vata, z’lang sollst mi nimma da lassn; i mag s’ nimma, dö Welt, jatz wo i di nimma hab. Tua mi net vergessn, Vata, gel, und denk aa aufs Dirndl, daß net z’Grund geht bei dem schlechtn Wei.“

Weinend hockten wir uns auf den frisch geschaufelten Hügel, unbekümmert um die Blumen und unsere schwarzen Gewänder, und nun erzählte mir die Großmutter von den letzten Tagen des Toten: „So viel leidn hat er müssn, der Arme; zwoa Strohsäck hat er durchg’fäu’t, weil er’s Wasser nimmer haltn hat kinna und der ganz Leib und d’Füaß oa Fleisch und Wehdam warn, daß ma ’n kaam mehr o’rührn hat derfa. Aber er is so geduldi g’wen dabei und nur seltn hat ma ’n jammern hörn. Nur grad nach dir hat er allweil g’fragt und hat si recht kümmert, wia’s dir geh werd, wenn er g’storbn is.“ Nach einer Weile fuhr sie fort: „Wenn i nur grad in insan Haus bleibn kunnt und net’s Gnadnbrot beim Sepp und bei der Nanni essn müaßt; da werd’s ma net gar z’guat geh bei dene.“

Nach diesen Worten versank sie in Nachdenken, und ich lehnte mich ganz an sie, weil mich fror; denn ich hatte Tuch und Mantel beim Huberwirt gelassen. Ich war eben ein wenig eingeschlafen, als ich durch die Stimme des Herrn Pfarrers aufgeschreckt wurde: „Ja, meine liebe Handschusterin, wir sind halt alle Fremdlinge in dieser Welt! Es wird Euch wohl recht schwer, von Ort und Haus zu scheiden? Wollt Ihr nicht ins Gemeindehaus ziehen? Da ging’s Euch ja auch nicht schlecht!“

„Vergelts Gott, Herr Hochwürden, aba d’ G’meinde is ma allweil no g’wiß; i hab ja no Kinder, dö wo si um mei Geld reißn!“ meinte die Großmutter mit einem schwachen Lächeln und grüßte den sich zum Gehen Wendenden noch mit einem leisen: „Gelobt sei Jesus Christus!“

Danach gingen wir doch noch einmal heim ins Haus. Aber da waren schon die neuen Besitzer eingezogen und alle möglichen Gegenstände lagen bunt durcheinander in den Räumen und vor dem Haustor. Unter der Stiege stand eine alte Truhe, in die sonst die Kleie für das Vieh kam; wir setzten uns darauf und konnten nichts reden. Aus dem Stall tönte das kurze Brüllen der Kühe, denen die gewohnte Hand abging. Da kam aus der Wohnstube die neue Hausfrau, sah uns ganz erstaunt an und fragte fast unfreundlich: „Was möcht’s denn no, Handschuasterin? Habt’s leicht ebbs vergessn?“

„Naa, i han nix vergessn; geh, Lenei, gehn ma wieder!“ erwiderte die Großmutter und ging mit mir aus dem Haus. Nun mußten wir doch zum Huberwirt; denn die Verwandten hatten schon herumgefragt, wo wir wären. Als wir in die Gaststube getreten waren, brachte der Huberwirt ein Glas Rotwein mit Zucker und stellte es vor die Großmutter hin, indem er sagte: „Handschuasterin, balst es net trinkst, kriagt da Vata dö ewi’ Ruah net!“

Da tauchte sie eine Semmel darein, sprach aber nichts, und als dann die Nanni mit ihrem Mann sich zum heimgehen bereit machten und sie einluden, gleich mitzukommen, da nickte sie nur ein paarmal mit dem Kopfe und stand auf. Der Huberwirt aber ließ seinen großen Schlitten, auf dem sonst das Bier oder Getreide gefahren wurde, herrichten und einspannen: „Oes werd’s ja a so glei all’ z’samm auf Hasla’ fahrn, net? I han enk mein Schli’n eing’spannt, daß d’Handschuasterin net z’geh braucht. A paar Deckn han scho drobn zum Einwickeln!“

Wir fuhren also alle zusammen zur Nanni; diese kochte Kaffee, und in der gemütlichen Wohnstube wurde auch die Großmutter wieder etwas gefaßter; ja, sie fing sogar an, einiges über den Großvater zu erzählen. Man hatte ihr eine nette Kammer zu ebener Erde angewiesen und diese auch geheizt. Spät am Nachmittag, als es Zeit wurde, auf die Bahn zu gehen, denn wir mußten abends wieder zu Hause sein, führte die Nanni uns noch in diese Kammer, um uns zu zeigen, daß die Großmutter bei ihr gut aufgehoben sei. Auch mich beruhigte diese Fürsorge und ich sagte noch beim Abschied zu ihr: „Großmuatterl, du brauchst koa Angst z’habn wegn der Nanni; dö mag di scho!“ Ich blieb noch bei ihr in der Kammer und half ihr ihre Habseligkeiten ein wenig ordnen. Dann legte sie sich ins Bett und schlief bald ein. Ich hatte ihr noch leise Lebewohl gesagt, die andern aber ließ ich nicht mehr zu ihr.

Gegen Abend fuhren wir wieder in dem Schlitten zur Bahn und hierauf heim.