Unterwegs in der Trambahn sagte ich ihr, ich wolle nicht mehr heim, sondern eine Stellung als Dienstmädchen annehmen. Sie schien anfangs entsetzt darüber, ging aber dann doch mit mir in die Marienanstalt, wo bessere Stellen für Dienstboten vermittelt wurden.

Während sie mit der Oberin verhandelte, mußte ich auf dem Korridor warten. Nach längerer Zeit trat die Mutter heraus und sagte, spöttisch lächelnd: „So, geh nur nei! Frau Oberin woaß allerhand für di.“

Mit den besten Hoffnungen trat ich ins Zimmer, gefolgt von der Mutter. Aber es kam anders, als ich erwartet hatte.

„Weißt du,“ begann die sehr beleibte Oberin, indem sie mit hochrotem, erzürntem Gesicht vor mich hintrat, „was einem Kind gebührt, das seine Eltern mit Füßen tritt und das Elternhaus mißachtet und nicht mehr dahin zurückkehren will? ... Einem solchen Kind gehört nichts anderes, als daß man es an einen Haken anhänge und mit einem Stock oder Strick so lang schlage, bis es lernt, das Elternhaus zu schätzen und Vater und Mutter zu lieben!“

Als ich dies vernommen, verlangte ich nicht mehr zu wissen und eilte nach der Tür, riß sie auf und lief davon, heim zum Vater.

Nachdem dieser mich freundlich empfangen und mir seine Hilfe versprochen hatte, erzählte ich ihm auch dies mein letztes Erlebnis. Da gab er mir recht, und als die Mutter heimkam und über mich klagte, sagte er: „Dös is aa koa G’redats an a krank’s Madl hin. Da kann ’s freili koa Liab und koa Achtung lerna bei dera Behandlung. Sei du mit’n Madl, wie es si g’hört, na werd si bei ihr aa ninx fehln!“

Darauf brachte mich die Mutter zu Bett und behandelte mich von nun an gut und freundlich.

Inzwischen nahte der Hochzeitstag meiner Eltern wieder heran. Es war der zehnte, seit sie geheiratet hatten, und auf den gleichen Tag fiel auch mein Geburtsfest. Ich wurde damals siebzehn Jahre alt.

Da die Eltern es gern sahen, daß ich ihnen zu den üblichen Familienfesten meine Glückwünsche darbrachte und auch die Brüder irgendein Gedichtlein lernen ließ, so beschloß ich, ihnen zu ihrem zehnten Hochzeitstage eine rechte Freude zu machen. Ich schmückte also das Nebenzimmer mit Papiergirlanden, stellte ein selbstverfertigtes Transparent auf und dazu ein Brett, in das ich zehn Nägel schlug und darauf zehn Wachskerzen befestigte. Auf einen weißgedeckten Tisch legte ich die Festesgaben, zu denen ich einen eigenen Vers gedichtet hatte. Es waren ein Paar zierliche Samtpantoffeln für die Mutter und ein gesticktes Käpplein für den Vater, nebst zwei Blumenstöcken und einem Kuchen. Auch den Stammgästen teilte ich meine Absicht mit, und sie waren gern bereit, die Feier noch durch Musik zu verschönern.