Als es mir besser ging, wollten alle meine Geschichte hören; denn durch den Polizeiarzt war an unsern Arzt, Doktor Kerschensteiner, schon ein aufklärendes Schreiben gelangt, und der freundliche Herr hatte in seiner Entrüstung ganz laut im Saal geschrien: „Die Bestie! Das Schandweib! Und so was nennt sich Mutter!“

Nach drei Wochen aber meinte er: „Jetzt müssen wir es doch der Mutter schreiben, wo Sie sind. Es handelt sich nämlich um die Zahlung, ob das Ihre Mutter übernimmt oder die Gemeinde.“

Als ich darauf zu weinen begann, beruhigte er mich mit den Worten: „Sie müssen nicht Angst haben. Die Frau tut Ihnen nichts. Dafür bin ich auch noch da.“

Man schrieb ihr also, und an einem Dienstag nachmittag zur allgemeinen Besuchsstunde kam sie. Ich lag im ersten Bett, gleich neben der Tür. Sie blickte im ganzen Saal herum und sah mich lange nicht, nachdem sie mich aber bemerkt hatte, schrie sie, daß es alle hörten: „So, da bist! Was du deinen armen Eltern angetan hast, übersteigt alle Grenzen. Da heraußen muß ma di finden und hätt’st es so schön g’habt dahoam. Hätt dir koa Mensch was tan!“ Dabei brach sie in Tränen aus, ging durch den Saal an das Fenster und sagte ganz laut und mit schluchzender Stimme: „So ein ungeratenes Kind! Oan so vui Verdruß z’macha!“

Die andern Patientinnen, die den wahren Sachverhalt wußten, begannen bei diesen Worten zu kichern und zu lachen und eine sagte mit komischem Ernst vor sich hin: „Tja, tja, solchtene Kinder!“ worauf im ganzen Saal lautes Gelächter erscholl.

Da mußte auch ich lachen, und die Mutter entfernte sich wütend mit den Worten: „Daß d’ di z’ammrichst morgen. Morgen nachmittag hol i di!“

Am Abend machte der Herr Doktor wie gewöhnlich die Runde, und es wurde ihm das Vorgefallene berichtet. Da trat er an mein Bett und sagte lachend: „Ah, Sie leben ja noch! Also ist sie doch nicht so schlimm.“ Als er aber erfuhr, daß ich am andern Tag wieder nach Haus müsse, rief er: „Unter keinen Umständen! Sie sind noch nicht gesund, und jede Aufregung, sowie Luftwechsel schadet Ihnen! Ich werde niemals meine Einwilligung dazu geben.“

Er mußte sie aber doch geben, als die Mutter am andern Tag unter vielen Tränen versicherte, ich solle kein unrechtes Wort mehr hören, noch viel weniger eine Mißhandlung erdulden.

Nachdem ich ziemlich bedrückt von den Krankenschwestern und den übrigen Patientinnen Abschied genommen hatte, trat ich mit der Mutter den Heimweg an.

Vorerst aber hatte die Mutter an der Kasse noch sechsundneunzig Mark für meine Verpflegung zu bezahlen, doch ließ sie mich den Ärger darüber nicht merken.