Nach diesen ungeschickten Worten lief ich wieder auf die andere Seite des Bahnhofs, wo die Mutter mich schon überall suchte. Ich sagte ihr, daß ich Bärenberg schon gesehen hätte; doch schien sie es nicht zu hören und trieb mich zur Eile, da der Stellwagen gleich abfahren wollte.
Mit uns hatten noch einige Frauen und ein junger Mann Platz genommen, und der letztere veranlaßte mich durch sein sonderbares Betragen und sein vogelartiges Gesicht, immer wieder nach ihm zu schauen. Er spielte unablässig mit seinen Fingern, schnitt Grimassen und lallte unverständliche Worte vor sich hin. Ich erfaßte aus der lebhaften Unterhaltung der Frauen, die bei ihm saßen, daß der junge Mensch blöd und epileptisch krank sei und nun in der Kretinenabteilung Bärenbergs untergebracht werde. In der Ecke saß ein altes Weiblein mit einem kaum zwanzigjährigen Mädchen, und es fiel mir auf, daß die beiden garnichts miteinander redeten. Auch die andern Frauen interessierten sich anscheinend für das Paar; denn die eine fragte plötzlich die Alte: „Fahrat Se au uf Bäraberg?“
„Ja freili,“ antwortete diese, „mei Dirndl is toret und a Stummerl is ’s aa. Jatz han i mi beim Burgamoasta vürstelli g’macht und der hat ins a G’schreibats gebn, daß s’ auf G’moaköstn in dö Anstalt z’Bärnberg kimmt. Dö ham ja lauta söllane Dalkn!“
„Du lieb’s Herrgottl! Isch dies abr schad! ’s isch ganz e frätzig’s, herztausig’s Mädla! Moi Jakala muß au hin, weil er irr ischt und’s Hiefallat hat.“
Nun war mit einem Mal meine ganze Schneid fort und ich hatte nicht geringe Angst vor dem Kloster und allem, was dazu gehörte. Und als sich die redseligen Frauen nun auch an uns wandten, muß ich wohl ganz den Eindruck einer verschüchterten Irren gemacht haben; denn die eine sagte zu meiner Mutter: „So, so, Sie fahrat au mit uns! Sie wollet g’wiß au Aufnahm für dies Mädla; ischt’s ebba au e Deppala?“
Da sagte meine Mutter, daß ich Klosterfrau werden wolle.
„Schau, schau!“ sagte die Alte darauf, „so a schwera und aaschtrengada Beruf möcht’s Mädla und ischt so blaß und mag’r! Lasset Sie’s do wied’r hoifahra, Fraule! Die ischt ’it passad für e Kloschterfrau!“
Doch meine Mutter entgegnete nur kurz: „Es wär mir gleich, was s’ tät; aber sie will selber ins Kloster.“ Damit war die Unterhaltung zu Ende.
Inzwischen waren wir an dem Hügel angelangt und mußten nun ganz um ihn herumfahren. Da sah man erst, daß er den eigentlichen Ort ganz verdeckt hatte, und ich war überrascht von der Schönheit des alten Städtleins.
Vor dem großen Gebäude machte der Postillon halt und wir standen wartend an der verschlossenen Pforte. Aus dem kleinen Fensterchen daneben sah eine schwarze Katze, und als die Tür sich endlich öffnete, stand eine kleine, alte Nonne vor uns, liebenswürdig und demütig nach unserm Begehr fragend.