Nachdem sie die Wünsche eines jeden gehört, führte sie uns in ein kahles Zimmerchen, aus dem erst die Taubstumme, dann die Frauen mit dem Kranken geholt wurden. Zuletzt kam eine blasse, junge Schwester, die uns nach den Gemächern des Superiors führte.
Vor der Tür des Sprechzimmers standen etwa sieben bis acht Nonnen und warteten auf Einlaß. Sie standen da, gesenkten Hauptes, die Arme vor der Brust gekreuzt und beteten leise vor sich hin, während mitunter ein halb scheuer, halb neugieriger Blick uns streifte.
Inzwischen hatte die Schwester uns angemeldet und wies uns nun in ein mit dem Sprechzimmer verbundenes Gemach.
Da trat nach einer kleinen Weile, während der mir fast die Brust zersprang vor Erregung, aus der Tür des Sprechzimmers ein ernster Mann von ehrfurchtgebietender Größe und Haltung und lud uns ein, näher zu treten. Er führte uns in sein Zimmer, das fast wie der Laden eines Buch- und Schreibwarenhändlers aussah. Überall lagen Stöße von Büchern, Heften, Zeitschriften, Akten und Briefen umher und dazwischen große Pakete, ganze Bündel Wachskerzen, Rosenkränze und Sterbkreuze. Über einem Stuhl hingen eine Menge violettgelber Ordensgürtel und an einem Schrank lehnten etliche Krücken.
Nachdem der Superior in einem Armstuhl Platz genommen, wies er meiner Mutter auf dem Sofa und mir auf einem Rohrhockerl Sitze an, hierauf begann er: „Hast du dir auch wohl überlegt, mein liebes Kind, was du tun willst, indem du eine Klosterfrau zu werden gedenkst?“
Meine Mutter antwortete statt meiner: „Hochwürdiger Herr, wir haben ihr lang genug davon abgeraten;“ und plötzlich in ihre gewohnte Redeweise verfallend, fuhr sie fort: „Aber a jeds Wort is umasonst g’wen.“
„Das haben halt schon viele im Sinn gehabt und nach einiger Zeit sind sie doch wieder in die Welt zurück. Und gar bei uns gehört viel dazu, um den Anforderungen, die wir an die Schwestern stellen, gerecht zu werden. Doch soll es uns große Freude bereiten, wenn das liebe Kind eine recht fromme, brave und tüchtige Schwester in unserm Orden wird. Wir haben ja so viele nötig, sowohl für die Arbeit, als auch für den Unterricht; denn unsere Anstalt besteht aus einem Blindenheim, einem Taubstummeninstitut, einer Heimstätte für alte, schwächliche Personen und einer Pflegeanstalt für Kretinen, Epileptische, Irre, Tobsüchtige und durch Ausschweifung Zerrüttete, sogenannte Besessene. Auch finden bei uns arme, kranke und mißgestaltete, sowie blöde, krüppelhafte und mißratene Kinder eine Stätte zur allseitigen Pflege und Bildung, soweit dies möglich ist.
Unser Orden hat jetzt etwa fünfhundert Profeßschwestern, von denen etliche schon seit Bestehen desselben das Kleid unseres Schutzpatrons tragen, und ungefähr zweihundert Novizinnen, die ihren weißen Schleier erst in ein bis zwei Jahren bei Ablegung der Profeß mit dem schwarzen zum Zeichen gänzlicher Entsagung der Welt vertauschen. Diese sind noch nicht durch die ewigen Gelübde gebunden und können den Orden noch verlassen; doch zeigt ein einzig dastehendes Beispiel, wie der himmlische Bräutigam diesen Verrat bestraft: die betreffende Novizin wurde nach einiger Zeit irrsinnig und befindet sich jetzt in unserer Irrenabteilung. Außer den Genannten haben wir noch etwa dreihundert Jungfrauen, die am Tag des heiligen Josef Lehr-, Pfleg- und Arbeitsschwestern werden wollen, sowie einhundertzwanzig Lehramtskandidatinnen, zehn Handarbeits- und sechs Musikkandidatinnen und etwa fünfzehn für die Hausarbeit und Küche. Wie ich sehe, hat das Kind sehr gute Schulzeugnisse; eine kurze Prüfung wird uns zeigen, wozu sich das Mädchen eignet. Sollte es dir, mein Kind, nicht gefallen, so kannst du innerhalb fünf Jahren diese Stätte noch verlassen. Nun sage mir einmal, willst du bei uns bleiben?“
Er war bei den letzten Worten aufgestanden und hatte mir das Kinn gefaßt, indem er mich fest anblickte.
Da sagte ich leise: „Ja, ich will dableiben.“