Nach dem Abendgebet gingen wir paarweise in den großen Schlafsaal, und meine Führerin steckte mir auf dem Weg dahin einen Zettel zwischen die Finger, auf dem geschrieben stand: „Von neun Uhr abends bis sieben Uhr morgens strengstes Stillschweigen!“
Im Schlafsaal angelangt, wies sie mir mein Lager an, und ich wollte nun beginnen, mich auszuziehen. Da ich noch städtische Kleidung trug und auch kein Nachthemd bei mir hatte, brachte sie mir eine weiß- und rotkarierte Bettjacke. Ich hatte bereits meine Bluse aufgeknöpft und entblößte eben meine Schultern, als mein Schutzgeist ganz entsetzt herzusprang und mir die Bluse rasch wieder über die Achseln schob. Hierauf warf sie mir die Bettjacke über die rechte Schulter, und indem ich sie am Hals festhalten mußte, entblößte sie unter dieser schützenden Hülle meinen rechten Arm und schob ihn rasch in den Ärmel des Nachtgewandes. Ebenso verfuhr sie auf der linken Seite und dann knöpfte sie mir den Kittel bis an den Hals zu.
Die andern Kandidatinnen hatten sich inzwischen unter lautem Beten auf die gleiche Art entkleidet, und ich sah nun eine nach der andern ins Bett steigen; doch behielten alle ihren Unterrock und die Strümpfe an. Ich machte meine Hüterin durch Zeichen auf dies aufmerksam; da zog sie einen Bleistift und einen Notizblock aus der Tasche und schrieb darauf: „Ein sittsames Kind entblößt die Füße erst im Bett und auch den Unterrock darf man nicht vorher abstreifen.“
Also legte ich mich zu Bett und entledigte mich, nachdem sie mir die Decke über den Kopf gezogen, meiner übrigen Kleidung, worauf eine Nachtschwester von Bett zu Bett ging und einer jeden die Zudecke glatt strich. Und nachdem man sich noch der Fürbitte des heiligen Joseph und der heiligen Barbara durch besondere Gebete versichert und den Psalm „Aus der Tiefe rufe ich zu dir, o Herr“ samt den dazugehörigen Paternostern gebetet hatte, legte man die Arme auf der Bettdecke kreuzweise über die Brust und schlief dann ein.
Traumlos schlief ich die ganze Nacht; denn ich war den Tag über müde geworden, und als am frühen Morgen plötzlich ein lautes „Gelobt sei Jesus Christus“ ertönte, dem die Kandidatinnen sich aufsetzend „in Ewigkeit, Amen,“ antworteten, blickte ich verwirrt um mich und konnte mich erst, als von der Pfarrkirche das Fünfuhrläuten erscholl, besinnen, wo ich war. Rasch sprang ich aus dem Bett; in diesem Moment aber sah ich ringsum aller Augen entsetzt auf mich gerichtet, und nun merkte ich erst, daß ich im Hemd und ohne Strümpfe war. Schnell schlüpfte ich wieder ins Bett und zog mit vieler Mühe unter der Decke meine Unterkleider an.
Derweilen waren die anderen Mädchen schon an den langen Waschtisch getreten, wo eine Waschschüssel neben der anderen stand, und wuschen sich, als mein Schutzengel kam und auch mich dahin führte. Während des Ankleidens wurde wie am Abend laut gebetet; man empfahl sich zu allen Stunden in Mariens Herzen und Jesu Wunden.
Nachdem wir unsern Schlafsaal geordnet und zuletzt die leichten Filzschuhe mit Stiefeln vertauscht hatten, begaben wir uns paarweise nach der Kandidatur. Diese befand sich in dem sogenannten Mutterhaus, einem alten Bau, der noch aus dem sechzehnten Jahrhundert stammte und damals den Prämonstratensermönchen gehört hatte, die später daraus vertrieben wurden, worauf das Kloster erst als Kaserne und dann als Speicher diente. In diesem Zustand erwarb es unser Orden und richtete es wieder wohnlich her; doch wurde das Haus bald zu klein und man fügte einen Anbau um den andern an. So kam es, daß wir unsern Schlafsaal in einem dieser neuen Gebäude hatten.
Wir schritten also über den verschneiten Platz vor dem Kloster; denn einen geschlossenen Verbindungsgang nach dem Mutterhaus hatte man gerade erst zu bauen begonnen. Da läutete es in der Pfarrkirche zur heiligen Wandlung. Sofort warfen sich alle auf die Knie in den Schnee und beteten den menschgewordenen Gott an.
Als wir im großen Lehrsaal der Kandidatur angekommen waren, knieten alle vor einer reich mit Blumen geschmückten Statue des heiligsten Herzen Jesu nieder, vor der die Präfektin bereits in andächtigem Gebete lag. Sie schlug jetzt ein Andachtsbuch auf und las daraus die Legende einer Heiligen, worauf eine lange Betrachtung ihrer Tugenden und Leiden folgte. Zum Schluß wurde vieles auf uns angewandt und etliche Kandidatinnen, die sich Verfehlungen gegen eine der Tugenden dieser Heiligen hatten zu Schulden kommen lassen, bekamen nun eine eindringliche Strafpredigt und es wurden ihnen schwere Bußübungen, wie Rosenkränze, viel hundert Paternoster und Ave-Maria, stundenlanges Knien vor dem Altar und dergleichen auferlegt.
Starr vor Erstaunen hörte ich dem Ganzen zu und bereute es schon bitter, jemals den Vorsatz gefaßt zu haben, Nonne zu werden.