Ich glaubte natürlich, meine Münkara Muatta käme schon am selben Tag, an dem der Brief gekommen war; schlich mich also barfuß und ohne Hut oder Tüchl gegen die Sonnenhitze, es war im Spätsommer, fort und lief, so schnell ich konnte, über die Brücke den Berg hinauf durch Felder und Wiesen über Schloß Zinneberg und Westerndorf nach der Waldstraße, die gen Grafing führt. Dies war am Nachmittag nach der Vesperzeit. Ich lief durch den Wald, der anfangs ganz licht ist, bald aber dicht, finster und unheimlich wird, bis an eine Stelle, wo ein Feldkreuz mit einem Bild des Fegfeuers und daneben ein Marterl steht als Wahrzeichen, daß hier ein Bauer erschlagen aufgefunden wurde. Da fürchtete ich mich so sehr, daß ich kaum mehr zu atmen, noch mich vom Fleck zu rühren vermochte.
Derweilen kamen zwei Radfahrer, die mich nach dem kürzesten Weg nach Grafing fragten. Da löste sich meine Angst und indem ich rief: „Oes derfts grad dera Straßn nachfahrn!“ stürmte ich schon an den Herren, die von ihren Rädern abgestiegen waren, vorbei und lief, so rasch mich meine Füße trugen, bis nach Moosach, dem nächsten größeren Dorfe. Dort bat ich eine Bäuerin um einen Trunk Wasser. Freundlich gab sie mir einen Weidling voll Milch und eine Schmalznudel dazu und fragte mich: „Wo kimmst denn her, Dirndei, und wo gehst denn hin?“
„I geh auf Grafing und geh meiner Münkara Muatta z’gegn.“
Sie mahnte noch: „Gel, tua di fei net volaafa, Kind!“ und begleitete mich bis unter die Haustür. Mit einem lauten: „Gelt’s Gott!“ und „Pfüat Gott, Bäuerin!“ lief ich wieder weiter, die Straße über Waldbach, Baumhau, den großen Untersumpf entlang nach Grafing.
Schweißtriefend und keuchend kam ich ungefähr um sieben Uhr abends dort am Bahnhof an und fragte einen Bediensteten: „Bitt schön, wißt’s ös net, wenn daß der Zug vo’ Münka kimmt?“
Der aber meinte, vor acht Uhr käme keiner mehr; denn der letzte sei um fünf Uhr schon gekommen.
Ich glaubte es ihm nicht und fragte einen andern: „Habt’s ös mei Münkara Muatta net kemma sehgn?“
Da fing der Mann an zu schelten und ich stand traurig da und wußte nicht, was anfangen. In diesem Augenblick kam ein Zug. Ich stürmte über den Bahnsteig und lief sofort auf eine vornehm gekleidete Frau zu, die grad ausgestiegen war und fragte sie: „Bist du mei Münkara Muatta?“
Sie aber gab mir keine Antwort. Inzwischen hörte ich rufen: „Personenzug über Kirchseeon, Haar, Trudering nach München!“ Da wurde es mir klar, daß es der Zug von Rosenheim war. Ich setzte mich also auf eine Bank und wartete, bis der Achtuhrzug aus München kam. Da stiegen aber nur einige Männer aus und ich mußte mich wieder auf den Heimweg machen, da es schon ziemlich dunkel geworden war.
Ich fing nun wieder an zu laufen, zurück durch den Wald und den Sumpf.