Doch gab es für mich noch mancherlei zu tun bis um fünf Uhr, wo der Vater wiederkam. Ich schnitt Knödlbrot oder Voressen und Lunge, rieb Semmelbrösel oder putzte Spielkarten mit Benzin. Auch kam um diese Zeit gewöhnlich der Häute- und Fellhändler, ein alter, schmieriger Jude, der einen fürchterlichen Geruch um sich verbreitete. Mit dem mußte ich in das Schlachthaus hinuntergehen, wo in einer Kiste die Kalbfelle lagen. Diese wog er, und ich mußte genau acht haben, daß er nicht schwindelte; auch beim Ausrechnen des Preises, den er dafür bezahlte, hatte ich recht aufzupassen. Einmal gelang es ihm aber doch, mich zu prellen. Er zahlte mit einem Hundertmarkschein und ich gab ihm heraus, und als er das Geld nachgezählt hatte, behauptete er, zehn Mark zu wenig bekommen zu haben; und obwohl ich gewiß wußte, was ich ihm gegeben hatte, bestand er doch auf seinem Recht. Als die Mutter dies hörte, glaubte sie mir nicht, daß ich von dem Juden geprellt worden sei, sondern sagte: „Dös hast höchstens auf d’Seitn g’räumt und denkst, der Vater büßt’s scho; aber da brennst di! Dös kannst scho selber draufzahln von deine Trinkgelder!“ Und ich mußte wirklich die zehn Mark nachmals, als ich im Dienst bei fremden Leuten war, von meinem Lohn ersetzen.
Brachte jemand Wein oder Most, so mußte ich auch mitgehen in den Weinkeller; denn die Eltern vertrauten den Dienstboten den Schlüssel dazu nicht an, weil ein sehr großer Wert in den Weinvorräten steckte. So brachte uns auch einmal ein Bursch aus einer Kelterei etwa fünfzig Flaschen Apfelwein. Als ich mit ihm in dem vermauerten, dunklen Keller war und beim Schein einer Kerze den Apfelwein in eine Stellage zählte, löschte der Unhold mir plötzlich das Licht, packte mich rücklings, riß mir den Rock in die Höhe und wollte mich vergewaltigen. Trotz meines Schrecks kehrte ich mich rasch um und fuhr ihm mit allen Fingernägeln über das Gesicht, ergriff die nächstbeste volle Flasche und schlug sie ihm so um den Kopf, daß sie in Scherben ging. Alles das tat ich in einem Augenblick und ohne einen Laut von mir zu geben. Scheinbar ruhig trat ich nun aus dem Keller und rief ihm zu: „So, jetz machst, daß d’verschwindst, du Hund! Sonst sperr i di da rei, bis i d’Schandarm g’holt hab; na konnst schaugn, wie’s dir geht, du Haderlump, du elendiger! Und jetz druckst di und laßt di ja nimma blicka! Dei Herr werd sei Geld scho kriagn!“
Ich hatte zwar schon Angst, er könnte mich in der Wut noch einmal anpacken; doch ging er ohne einen Laut, nahm auf der Straße seinen Karren und fuhr mit dem übel zugerichteten Gesicht davon. Gesehen habe ich ihn nie mehr.
Überhaupt hatte ich manchmal meine Fäuste nötig; teils, mich der eigenen Haut zu wehren, teils, Streitende auseinanderzutreiben.
Im Frühjahr hatte ein Grundbesitzer in der allernächsten Nachbarschaft angefangen zu bauen, und es sollten zwei große Häuser links von unserer Ecke und eins rechts davon erstehen. Da die Maurer und die übrigen Arbeiter meist ohne Geld sind, wenn sie zu arbeiten beginnen, so muß der Palier für einen Vorschuß sorgen, der dann am Samstag vom Lohn abgezogen wird. Der Palier wendet sich nun an einen Wirt, der erstlich Geld und dann auch gutes Bier und vorzügliche Küche hat. Da war nun meines Vaters Wirtschaft als Einkehr für sämtliche am Bau Beschäftigte vorgeschlagen und angenommen worden. Die Leute holten sich am Montag ihren „Schuß“ und aßen und tranken die Woche über ohne Bezahlung. Da gab es denn am Samstag immer große Abrechnung mit ihnen, und hie und da kam es dann wohl auch vor, daß der eine oder andere glaubte, er sei betrogen worden bei der Abrechnung, oder daß einer selbst betrügen wollte. Freilich ging es dabei nicht immer ruhig her. Ganz plötzlich brach dann an einem Tisch ein Streit aus und im Nu bildeten sich zwei Parteien, von denen die eine für den Wirt, die andere aber für den Schuldner stritt.
Doch nicht lange währte die Reiberei; der Vater rief mir aus der Schenke: „Leni, biet eahna ab, i hab koa Zeit!“ und augenblicklich stand ich unter den Streitenden und versuchte erst in Güte, die erhitzten Köpfe zu beruhigen. Wenn mir aber dies nicht gelang, konnte ich recht wild werden. Da faßte ich den einen am Genick und drückte ihn auf seinen Stuhl nieder; den andern riß ich zurück vom Tisch, wo er eben ein Salzgefäß ergreifen wollte, um es ins feindliche Lager zu schleudern. Dann schlug ich mit der Faust wohl auch auf den Tisch und rief: „Ob jatz glei Fried werd unter euch, ös Hallodri! Sofort hol i d’Schandarmerie, wenn koa Ruah is!“ Dann ergriff ich den Rädelsführer, hieß ihn austrinken und schob ihn aus dem Lokal.
Freilich, immer wurde es mir nicht leicht, der Aufrührer Herr zu werden. Da mußte mir dann mein Hund, eine riesige, blaugestromte Dogge, die auf den Mann dressiert war, helfen. Dieser Hund war von einem Apotheker aus England mitgebracht worden, mußte aber, da sein Herr verarmt war, verkauft werden. Durch ein Inserat wurde der Vater aufmerksam, und da sie ihm wohl gefiel, kaufte er die Dogge für hundert Mark. Ich war hocherfreut, als der Vater mit dem Hund kam. Er hieß Schleicher und war außerordentlich klug. Sein Herr war mitgekommen und fütterte ihn noch mit Schinkenbroten; danach sagte er: „Schleicher, du mußt jetzt schön dableiben, bis ich wieder komm!“ Dabei rannen ihm die Tränen in den Bart, und ich empfand solches Mitleid mit dem Manne, daß ich hinging und ihm versprach, den Hund recht gut zu halten.
Bald war auch das Tier so gut Freund mit mir, daß ein Wink von mir genügte, ihn an meine Seite zu locken. Er begleitete mich auf allen Gängen und lief mit mir auch in den Keller und Speicher; und oft, wenn ich mit ihm redete, legte er seinen schlanken Kopf auf meinen Schoß und sah mich mit seinen klugen, braunen Augen ganz verständig an. Sagte ich ihm: „Schleicher, du mußt schön aufs Frauerl Obacht gebn!“ so wich er keinen Schritt von meiner Seite und hätte den, der mich anrühren wollte, sicher in Stücke gerissen.
So war einmal ein als Wüstling übel angeschriebener, alter Schleifer zu uns gekommen, als ich eben allein in der Schenke stand. Er trat zu mir und fragte, ob ich nichts zu schleifen habe, und trotzdem ich ihm kurz und mürrisch erwiderte: „Nix is da!“ ging er nicht, sondern wollte mich an der Brust fassen, indem er mit heiserem Lachen flüsterte: „Nix hat zu sleife? Nix kloane Gaffeemiehle zu sleife, he?“
In diesem Augenblick sprang der Hund auch schon an ihm empor, riß ihn zu Boden und stellte sich mit gefletschten Zähnen und dumpf knurrend über ihn; und als der Italiener sich wehren wollte, packte das wütende Tier seinen Arm. Erschreckt schrie ich: „Weg, Schleicher!“ und riß ihn am Halsband zurück, worauf er zwar von dem an allen Gliedern Zitternden abließ, aber immer noch heftig knurrte, so lange, bis der Alte gegangen war.