„So, hab i di jatz g’fangt, du Luder, du verlogns!“ triumphierte jetzt die Mutter mit bösem Lachen; dabei nahm sie die Spitze und warf sie ins Herdfeuer. „Heut konnst di aber g’freun! Heut treib i dir’s Lügn aus für allweil!“

Mir war ganz dumm im Kopf, und wie im Traum ging ich in die Gaststube und wollte die Sparbüchse mit dem geheimen Geld zu mir nehmen; da fand ich sie leer. Sprachlos starrte ich in die Schublade, bis die Mutter in das Zimmer trat. Da schob ich die Lade zu und ging wieder in die Küche. Doch konnte ich nichts tun und hatte nur den einen Gedanken im Kopf: Heut bringt s’ di um; denn sie war so seltsam still, trank rasch fünf oder sechs Halbe Bier und warf mir grausige, entsetzliche Blicke zu. Aber sie sprach kein Wort in der Sache, bis nach dem Mittagessen. Da rief sie dem Vater in die Schenke: „Josef, heut bleibst in der Schenk, die is heut net da!“ wobei sie mir wieder einen solch bösen Blick zuwarf, daß mir fast das Blut in den Adern gefror. Dann sagte sie, indem sie den großen, eisernen Schürhaken vom Herd nahm und sich zum Gehen schickte: „Richst ’s Hundsfressen no her, du Schinderviech; nachher gehst ’nauf!“

Als sie fort war, rief ich die Babett zu mir in die Küche und machte ihr Vorhalt wegen der Spitze und auch wegen des Geldes.

Da sagte sie: „I hab koa Wort verraten und vom Geld woaß i nix! Überhaupt derfan Sie koa Wort sagn; denn wenn i mei Maul aufmach, na is g’fehlt um Eahna!“ Damit ging sie aus der Küche.

Ich hatte kaum die letzten Worte gehört, so wurde mir heiß und kalt, und plötzlich ergriff ich das große Tranchiermesser, legte erst die eine und dann die andere Hand auf den Hackstock und schnitt mir an beiden Armen die Pulsadern durch. Dann lief ich zum Schlüsselbrett, nahm die Kellerschlüssel, rannte die Stiege hinab, schloß mich in den Weinkeller ein und kauerte mich in einen Winkel und hoffte stumpfsinnig auf den Tod.

Wie lange ich so gelegen bin, weiß ich nicht. Bekannte erzählten mir später, daß mich eine Frau, die von der Gassenschenke aus in die Küche geblickt hatte, beobachtet und den Vorfall meinem Vater mitgeteilt habe. Doch wußte niemand, wo ich hingelaufen war, bis man endlich die Kellerschlüssel vermißte. Da nahm der Vater den Schleicher, ließ vom Schlosser den Keller aufbrechen und suchte mich. Der Hund aber lief erst unruhig im ganzen Keller umher, bis er sich plötzlich vor die Tür zum Weinkeller stellte und laut zu winseln begann. Da erbrach der Schlosser auch diese Tür, und nun fanden sie mich ohnmächtig in meinem Blute liegen. Sie hoben mich auf und brachten mich zum nächsten Bader, der mir einen Notverband anlegte und mich dann zu einem Arzt fahren ließ. Dort wurden die Wunden genäht, wobei es der Doktor nicht an anzüglichen Reden fehlen ließ, da ja gemeiniglich nur nach der Tat, selten aber nach Grund und Ursach geforscht wird.

Darauf brachte man mich wieder nach Hause, und meine Mutter empfing mich sofort mit den Worten: „Hat di jatz der Teufi no net gholt! Bist no net hin?“

Da dachte ich, es könnte am Ende besser sein, wenn ich ginge; denn vielleicht bekäme ich von der Mutter einmal einen Hieb, der mich zum Krüppel machte; da wäre ich doch lieber tot.

Also ging ich andern Tags zu meiner Base, die mit dem Bruder der Mutter in einem alten, kleinen Häuschen Giesings wohnte. Die nahm mich voller Mitleid auf und ich verbrachte ein paar glückliche Wochen bei ihr. Auch sie riet mir, ich solle eine Zeitlang unter fremde Leute gehen und dienen. Deshalb suchte ich, nachdem meine Arme wieder geheilt waren, eine Verdingerin auf, die mir einen Platz als zweite Köchin in der Floriansmühle zubrachte und mir empfahl, zuvor meinem Vormund, dem Ehemann der Nanni, zu schreiben, daß er mir seine Erlaubnis zum Dienen gebe; denn ich war noch nicht mündig. Der antwortete in seinem Schreiben: „Mir ist’s ganz recht, wenn sie dint und ligt nichts dran, wenn sie heirat. Josef Eder.“

Mit diesem Brief ging ich zur Polizei und holte mir ein Dienstbuch. Danach erbat ich mir von meiner Base das Verdinggeld, fünf Mark, und brachte es der Frau, worauf ich mich nach der Floriansmühle begab.