Ich freute mich sehr, daß es der Mutter so wohl gefiel; hoffte ich doch, es möchte diese Wallfahrt günstig auf ihr Gemüt wirken, daß sie ein wenig verträglicher würde; denn sie war immer noch trotz aller Frömmigkeit recht bös und quälte mich oft entsetzlich. Bei dem geringsten Anlaß gab sie mir trotz meiner neunzehn Jahre noch Schläge ins Gesicht und hinter die Ohren, oder riß mich an den Haaren herum; ja, nicht selten nahm sie noch wie früher den Stock und prügelte mich elendiglich. Deshalb suchte ich, so gut es mir gelingen wollte, Anlässe zu solchen Szenen zu vermeiden; doch glückte es mir nicht immer, und ich wurde nun wieder trübsinnig und verlor alle Lust zum Schaffen und schließlich auch zum Leben.
Da geschah es, daß wir eine neue Kellnerin bekamen; denn die Kathi hatte sich mit einem unserer Gäste, dem Briefträger Schwertschlager, verheiratet. Das neue Mädchen hieß Babett und war recht fleißig und von einnehmendem Wesen; daher schloß ich mich rasch an sie an, weihte sie in manche von den häßlichen Szenen, die ich mit meiner Mutter hatte, ein und vertraute ihr auch an, daß ich des Lebens im Hause ganz überdrüssig sei. Da empfahl sie mir, ich solle mir doch eine Sparbüchse anlegen und alle Tage etwas aus der Schenkkasse hineintun; wenn es mir dann einmal gar zu schlecht ginge, könnte ich davonlaufen und hätte doch Geld. Ich folgte ihr und legte täglich zwei kleine, silberne Zwanzgerln in eine irdene Sparbüchse, die ich in der Schublade des Büfetts, die der Kellnerin zur Aufbewahrung ihrer Sachen diente, versteckte.
Es mußte schon ein schönes Sümmchen beisammen sein, denn etliche Wochen trieb ich diese Heimlichkeit.
Da kam der Namenstag der Mutter.
Schon einige Tage vorher hatte ich die Babett an einer sehr feinen Spitze häkeln sehen und plagte sie nun, sie solle mir dieselbe für die Mutter verkaufen. Sie willigte ein, und nachdem sie mich das Muster gelehrt hatte, häkelte ich noch ein gutes Stück selber dazu. Ich bezahlte ihr für die Arbeit zwei Mark, bat mir aber aus, sie dürfe der Mutter ja nicht verraten, daß auch sie daran gehäkelt habe; denn die Mutter hielt nur auf Handarbeiten etwas, die man selbst gefertigt hatte. Sie schien auch wirklich sehr erfreut und fragte mich, wo ich das Muster herbekommen habe.
Ich antwortete: „Von der Babett.“
Darauf meinte sie: „Die hast ja du gar net g’häkelt, die hat ja d’Babett g’macht!“
Ich blickte wie versteinert die Mutter an und brachte endlich kaum hörbar die Worte heraus: „Wer sagt denn dös?“
„D’Babett hat mir’s selber g’sagt!“ erwiderte die Mutter scharf.
Da brach ich in Tränen aus: „Naa, so a Gemeinheit! Jatz hat s’ mir’s so heilig versprocha, daß s’ nix sagt ...“