Da war erstlich ein etwa fünfundzwanzigjähriger, bildsauberer Drechsler aus Traunstein, der Ehrenthaler Franzl; der hätte sich gern eine recht liebe, häusliche Meisterin in mir geholt, da er einmal seines Vaters Geschäft übernehmen sollte. Er gefiel mir, und ich hätte ihm wohl gut sein können; doch war er noch nichts, hatte auch nichts und war nicht recht gesund, weshalb ich ihm eine Bürgerstochter aus der Nachbarschaft empfahl. Dann war ein alter Briefträger, der Barmbichler Xaver, dem das Stiegensteigen nicht mehr recht gefiel und den auch das Zipperlein schon in allen Gliedern zwickte; der wollte sich jetzt pensionieren lassen und dann mit mir und meinem Heiratsgut ein beschauliches Leben führen, auf das ich aber verzichtete und mir einen andern Bewerber, den etwa vierundzwanzigjährigen Bräumeisterssohn Aloys Kapfer etwas genauer ansah. Da fand ich, daß er trank, viel trank, auch hoch spielte und keine Nacht vor zwei Uhr nach Hause ging; und obschon mir sein zierliches Ponyfuhrwerk, mit dem er oft bei uns vorfuhr, sowie die dreihundert braunen Scheine, die er mir als Brautgabe zugedacht hatte, sehr wohl gefielen, dachte ich doch, daß schon gar mancher sein Hab und Gut vertrunken und verspielt hätte und gab ihm einen Korb und meinte, es sei besser, mich um einen einfachen Handwerksmeister umzuschauen. Der war auch da in Gestalt eines dreißigjährigen Schlossermeisters aus meinem Heimatdorf; es war der Schwaiger Lenz, ein Vetter vom Schlosserflorian. Er hatte vor einem Vierteljahr seine Frau verloren und wollte mich als sein riegelsames Weib und als liebe Mutter für seine verwaisten drei Kinder heimholen. Da ich mich jedoch wegen der drei Kinder lange nicht entschließen konnte und immer wieder um Bedenkzeit bat, holte er sich endlich eine Fabrikantenstochter, die ihm schon lange zugeblinzelt hatte. Nun trat dessen Nachbar, der Schneidermeisterssohn Kaspar Zintl, mehr ins Licht und meinte, er wolle mit mir nach Paris und London reisen, wenn ich seine Frau würde und wolle mir die ganze weite Welt zeigen. Ich dachte aber, wir würden nicht weit kommen mit dem Gelde, das er besaß, und überlegte, ob ich ihm das meine noch dazugeben solle. Konnte mich aber nicht dazu entschließen und bedachte lieber den Antrag des Prucker Toni, eines stattlichen Hausbesitzerssohnes aus der Nachbarschaft, der es trotz seiner jungen Jahre schon bis zum Eisenbahnexpeditor gebracht hatte. Da er aber ebenso grob als energisch war und nicht einmal seine Eltern achtete, fürchtete ich, nichts zu gewinnen, wenn ich das Haus meiner Mutter mit dem seinen vertauschte. Da gefiel mir der sanfte und allzeit zuvorkommende dreißigjährige Hausbesitzer Hans Wipplinger, der sich leidenschaftlich um meine Hand bewarb, schon besser. Böse Nachbarn aber wußten zu berichten, daß er in großen Geldnöten sei und mit meinem Heiratsgut wohl die dritte Hypothek seines Anwesens heimzahlen wolle.
Als der bereits sechzigjährige Realitätenbesitzer und Tändler Simon Lampl hörte, daß ich diesen Antrag ausgeschlagen hatte, erschien er eines Tages in einem altmodischen, grünschillernden Gehrock und Zylinderhut, um den Hals eine riesige, ehedem weiße Binde und im Knopfloch die Ehrenzeichen des Feldzuges von 1870 und hielt feierlich um meine Hand an, indem er mir seine sämtlichen Besitztümer: vier vierstöckige Häuser mit Rückgebäuden und gut vermieteten Läden, zwei Bauplätze bei Planegg, die gutgehende Tändlerei, die seit siebenunddreißig Jahren bestehe und jährlich ihre zwei bis dreitausend Mark abwerfe, sowie hundertvierzigtausend Mark bares Geld, dessen Zins er verzehren dürfe, aufzählte und mir die denkbar beste Behandlung zusicherte. Doch lehnte ich seine Werbung höflich, aber entschieden ab, da er mir einerseits doch nicht mehr jung genug schien, anderseits aber trotz seines Reichtums als ein großer Geizhals verrufen war.
Aufgemuntert durch meine abschlägige Antwort auf den Antrag dieses Alten wagte noch am selben Abend der blutjunge Hafnermeister Edmund Sack, dem kurz nacheinander Vater und Mutter gestorben waren, mir in einem anschaulichen Brief Herz und Hand anzubieten; doch kannte ich ihn viel zu wenig, um ihm meine Zukunft anzuvertrauen, und dann hatte ich eine ausgesprochene Abneigung gegen diese Loahmpatzer, die Ofensetzer. Da war das edle Handwerk der Bäcker doch appetitlicher, und ich hörte ganz erbaut auf die salbungsvollen Worte des achtundfünfzigjährigen Feinbäckers und Melbers Kanisius Dumler, mit denen er mich zur Herrin über sein Haus und seine Guglhopfe und Zuckerbretzln erkiesen wollte. Er war schon seit zehn Jahren Witwer und bekleidete die ehrenvollen Posten eines Armenrates, Kirchenbaurates, Distriktsvorstehers und Rechnungsführers bei einem Kriegerverein. Auch war er einer von den Auserwählten unseres Pfarrers und durfte bei allen Prozessionen den Himmel tragen. Sein kleines Haus war schuldenfrei, und das gute Geschäft, dem jetzt seine Schwester vorstand, sicherte ihm ein behagliches Leben. Doch besaß er einen schon zwanzigjährigen Sohn, der eben seine Militärzeit als Freiwilliger abdiente. Dieser Sohn aber, der Ferdl, ein fescher Bursch und großer Tunichtgut, war nun die Ursache, daß ich dem Alten meine Hand versagte; denn ich sah den Jungen nicht ungern. Von seiner Ausgelassenheit und den übermütigen Streichen, die man ihm nachsagte, konnte ich nichts bemerken; vielmehr war er immer der bescheidenste unter meinen Freiern geblieben. Stundenlang saß er da und starrte mich wortlos und wie in Verzückung an, trank dabei seine zwölf bis fünfzehn Glas Bier und schien außer mir nichts mehr zu hören und zu sehen. Ja, er übersah und überhörte regelmäßig die Stunde, da er in der Kaserne hätte eintreffen sollen; und so kam es, daß er eine Arreststrafe um die andere meinethalben abzubüßen hatte. Schließlich bekam er eine ganze Woche Mittelarrest zudiktiert, und während er in der Kaserne brummte, fuhr eines Abends, da ich eben in der Schenke beschäftigt war, vor unserm Hause ein Wagen vor, dem ein sehr sorgfältig gekleideter junger Mann, mit einem großen Strauß Veilchen in der Hand, entstieg. Er trat in die Wirtsküche, und ehe ich mich noch von meinem Erstaunen erholt hatte, hörte ich schon die Mutter in die Gaststube rufen: „Josef, geh, komm a bißl raus!“ worauf die drei eifrig miteinander verhandelten.
Nach einer Weile kam der Vater zu mir in die Schenke und sagte unter öfterem Räuspern: „Was i sagn will, Leni, der Hasler Benno is draußn und hat g’sagt, daß er di heiratn möcht; du sollst dein Ausspruch toa, wiast g’sonna bist. Jatz, vo mir aus ko’st es macha wiast magst; i red dir nix ei und rat dir net ab!“
Ich zählte noch die eben begonnene Rolle Geldes fertig, rechnete mit der Kellnerin ab und schenkte noch etliche Glas Bier ein, mich sorglich zusammennehmend, daß die Hand nicht zittere oder sonst eine Bewegung über mich Herr würde. Dann ging ich, ohne dem Vater zu antworten, in die Küche, wo der stattliche Bewerber sich sehr lebhaft mit der Mutter unterhielt. Als er mich sah, sprang er von seinem Sitz, einem rohen, blankgescheuerten Holzstuhl, auf, reichte mir die Hand und begann: „Liabs Fräuln Leni, ich hab Sie lang beobacht und hab g’funden, daß bloß Sie mi glücklich machen können. Wenn’s Ihnen also recht ist, heiraten wir; Ihre Eltern haben mich nicht abgewiesen.“
Da ich nichts darauf erwiderte, fuhr er fort, indem er mir den Strauß gab: „Ich mein’s ehrlich mit Ihnen, Fräuln Leni; ich hab’s nicht nötig, nach Geld zu schauen, ich heirat aus Liebe. Nehmen S’ halt meine Lieb auch freundlich an, wie die Blümerl und sagen S’ ja!“
Bei diesen letzten Worten hatte er mich wieder an der Hand gefaßt und sah mich bittend an; dennoch antwortete ich zögernd und leise nur: „I will ma’s überlegn; dös ko ma net so auf’n Augenblick sagn, ob ma oan gern habn ko oder net!“
„Ja, bedenken Sie’s noch, liebs Lenerl; Sie brauchn’s nicht zu bereuen! Ich bin der einzige Sohn, erb einmal das Haus mitsamt dem ganzen Holzg’schäft und vorläufig hab ich mein gutes Einkommen als Prokurist des alten, feinen Hauses Protus Stuhlberger. Wenn Sie sich b’sonnen haben und einschlagen wollen in mei Hand, so können wir bald Hochzeit machen!“
Meine Mutter hatte schon während der Rede des Freiers wiederholt das Taschentuch an die Augen gedrückt und sich umständlich geschneuzt; jetzt aber zog sie mich laut aufschluchzend an ihre Brust und rief aus: „So a Glück, ha, so a Glück! I gunn dir’s von Herzn Deandl; bist ja so a richtigs und ordentlichs Madl und konnst’n glückli macha, den liabn Herrn Hasler!“
Dann schob sie mich von sich und drückte mich ganz fest an die Schulter des freudig Überraschten, der sofort die Arme ausbreitete und mich zärtlich umfing. Dann bedankte er sich noch mit wohlgesetzten Worten bei der Mutter und trat danach in die Gaststube, die Verlobung bei einer Flasche Wein zu feiern.