So war’s auch diesmal wieder. Ein jeder wollte das meiste tun im Trinken, Essen und im Lärmen; denn ein jeder trug das stolze Bewußtsein in sich und mancher trug es auch offen zur Schau: Auch ich hab mein redlich Teil dabei getan!
Später freilich, als ihnen das Bier schon ziemlich zu Kopf gestiegen war, schwand dies Selbstbewußtsein erheblich, und nun waren es die Mörtelweiber und Bierträgerinnen, die das große Wort führten. Eine jede hatte, obwohl selber längst verheiratet, einen Auserwählten unter den Bauleuten, unbekümmert, ob der Erkorene Weib und Kind daheim hatte, oder nicht.
Heute nun hatte ein jeder Eheherr auch seine Frau mitgebracht und teilte mit fröhlichem Sinn das, was die Arbeitgeber gespendet. Auch die Gattin des obersten Paliers, Simon Scheibenzuber, war anwesend. Da erhob sich ein, obschon nicht mehr junges, doch noch ziemlich mannliches Mörtelweib, stieg allen Bemühungen ihrer Genossinnen zum Trotz auf den Tisch und schrie: „Ich bin die Keenigin von Jerusalem und der Scheibnzuber Simmerl is mei Mo!“
Da sprang die tiefgekränkte Gattin des Paliers vom Stuhl auf, gab ihrem ganz verblüfften Manne eine schallende Ohrfeige und stürzte sich nun wie eine Furie auf die Verwegene. Die aber war so voll des süßen Getränks, daß sie nur noch gurgelnd herausbrachte: „Was tatst denn wollen, du gscherte Mollen!“ dann aber auf ihren Sitz zurücksank.
Dies hatte aber die Wut der Paliersgattin aufs höchste gesteigert: „Was, i a gscherte Molln!“ schrie sie mit überschnappender Stimme: „Dös konnst ma büaßn, du Gwaff, du zahnluckerts!“ Und im Nu hatte sie die betrunkene Rivalin bei den Haaren gefaßt und schlug mit der andern Hand wütend auf sie ein, bis sie von der Übermacht der Maurerweiber zurückgedrängt wurde. Die also gedemütigte Königin aber wankte aus der Stube in den Hof, wo sie unter Zuhilfenahme einer großen Schale schwarzen Kaffees sich all ihres Zornes und wohl auch ihrer Liebe entledigte; denn sie erschien danach wieder munter im Lokal und rief: „So, jatz san ma g’sund! Jatz trink ma aufn Bauherrn a Maßl!“
Mein Vater war bei dem Vorgang wieder ganz bleich geworden und fürchtete eine Rauferei; doch zur Ehre dieser einfachen Leute sei’s gesagt, daß es zu nichts kam. Sie blieben sitzen bis zum Morgengrauen und gaben noch allerhand lustige Stücklein zum besten.
Fröhlich ging ein jeder heim oder ließ sich von der getreuen Hausfrau führen; alle hatten den Verspruch des Bauherrn, daß sie in etlichen Tagen wieder Arbeit bekämen. Doch dieser Neubau war in einer andern Stadtgegend, so daß unser Lokal etwas stiller ward wie bisher, obgleich noch die am dritten Bau Beschäftigten, sowie alle übrigen Arbeiter und Gäste dasselbe täglich füllten.
Inzwischen war ich eine ganz stattliche Dirn geworden und betrachtete gar manches Mal mein Spiegelbild mit Befriedigung und geheimem Wohlgefallen. Meine Mutter hatte mir für den Sommer eigene Wirtschaftskleider aus feinem, blauen Mousseline anfertigen lassen, und da ich selbst viel auf einen guten Anzug hielt, hatte ich bei der Schneiderin Matrosenform mit weißen Batistkrägen und kurzen Ärmeln bestellt. Dazu trug ich weiße Spitzenschürzen, darüber eine weite Leinenschürze zur Küchenarbeit und um den Hals eine Kette aus Korallen. Mein reiches, blondes Haar hatte ich zierlich geflochten und als Krone aufgesteckt; in die Stirn hingen ein paar natürlich aussehende, wirre Löckchen, die ich jedoch jeden Abend mittels einer Haarnadel kunstvoll wickelte. Außerdem trug ich nur Lackschuhe; denn mein Stiefvater besorgte mir deren alle Vierteljahr ein Paar bei einem alten Schuhmacher, dem Revolutionsschuster, so genannt, weil er als übereifriger Anhänger des Anarchismus alle Tage aufs neue für die allernächste Zeit den Ausbruch der grimmigen Revolution und eines Bürgerkrieges prophezeite, so daß ich glaube, der Vater kaufte die vielen Schuhe nur, um zu verhindern, daß die Revolution in seinem Lokale ausbräche.
Doch hätte mein Vater dies nicht so zu befürchten gehabt wie den Ausbruch eines Freierkrieges; denn meine muntere, geschäftige Natur in Verbindung mit der lockenden Aussicht auf eine ansehnliche Mitgift hatte nicht nur die Herzen etlicher junger Bürgerssöhne betört, sondern auch bei ein paar betagteren Leuten einiges Unheil angerichtet.