Hofrat Klementi ging langsam und hatte zudem die Gewohnheit, im Gespräche öfters, am liebsten in besonders belebten Straßen, stehen zu bleiben; er schien sich nur als Verkehrhindernis wirklich wohl und behaglich zu fühlen. Selbst der durch heftiges An-der-Leine-Zerren zum Ausdruck gebrachte Unmut seines Hundes Cyrus, der den alten Herrn sonst grausam tyrannisierte und ihm in allem und jedem seinen Willen aufzwang, konnte gegen diese Schwäche des Gelehrten nichts ausrichten, und Professor Truxa hatte seine liebe Not, den Freund beim Überqueren der Porzellangasse glücklich aus dem Gefahrenbereich der elektrischen Tramway zu bringen.
Der Liechtensteinpark war um diese Zeit – es mochte gegen halb zehn Uhr vormittag sein – bereits ziemlich stark besucht. Kleine Mäderln und Buben liefen mit Reifen und Gummibällen über den Kiesweg, Kinderfräuleins und Ammen schoben plaudernd ihre Wägen vor sich her, Gymnasiasten sagten einander mit wichtigen Mienen ihre Lektionen vor. Die beiden Gelehrten strebten einer abgelegenen Stelle des Parkes zu, an der sie eine von alten Akazienbäumen beschattete und durch dichtes Gebüsch den Blicken der übrigen Parkbesucher entzogene Bank erwartete. Auf diesem Plätzchen pflegten sie allmorgendlich, unbeachtet und von dem lärmenden Treiben ringsumher nur wenig gestört, ein oder zwei Stunden der Durchsicht ihrer Manuskript- und Korrekturbögen zu widmen.
Vorerst waren die Herren jedoch in ein Gespräch über das Verbreitungsgebiet des Haschischgenusses vertieft. Professor Truxa vertrat die Ansicht, daß der Gebrauch dieses Berauschungsmittels immer auf den Orient beschränkt geblieben sei, eine Behauptung, die den Hofrat zu lebhaftem Widerspruch herausforderte.
»Sicher ist es Ihnen bekannt,« sagte er, »daß in den prähistorischen Gräbern Südfrankreichs kleine Tonpfeifchen gefunden worden sind, welche Reste der Canabis sativa L. enthielten. Unsere Vorfahren haben zweifellos Hanf geraucht, und auch den alten Griechen war er bekannt. Erinnern Sie sich doch der Stelle in der Odyssee, in der der Trank Nepenthes erwähnt wird, der ›Kummer tilgt und das Gedächtnis jeglichen Leides‹. Und das ›Gelotophyllis‹, das ›Kraut der Gelächter‹ der alten Skythen, von dem Plinius spricht.«
»Ich möchte doch lieber auf gesichertem, wissenschaftlichem Boden bleiben,« warf Professor Truxa ein. »Wirth in München geht ja noch viel weiter als Sie, ohne übrigens auch nur den Schatten eines ernstzunehmenden Beweises für seine Theorien zu erbringen. Nach seiner Behauptung wären die großen Massenpsychosen der Vergangenheit, der Flagellantismus ebenso wie die merkwürdigen Tanzepidemien, als Folgen des übermäßigen Genusses des Haschischs oder eines Narkotikons von ähnlicher Wirkung anzusehen.«
»Ich kann mich natürlich diesen Seitensprüngen Professor Wirths, der in seinem eigenen Wissensgebiet übrigens Tüchtiges geleistet hat, nicht anschließen. Ich habe ja nur behauptet, daß vereinzelte Fälle von Haschischgenuß auch in Europa zu allen Zeiten einwandfrei beobachtet worden sind und wahrscheinlich auch heute noch auftreten. Wohlgemerkt: Vereinzelte Fälle! Ich erinnere mich beispielsweise eines neapolitanischen Hafenarbeiters – welche Symptome könnten Sie übrigens feststellen, Professor?«
»Ich erkenne Haschischraucher sofort an ihren blitzartig wechselnden Neigungen und Stimmungen und an ihrer aufs äußerste gesteigerten Einbildungskraft. Ein Limonadenverkäufer in Aleppo, den ich im Rauschzustande beobachten konnte, hielt sich für den Erzengel Gabriel. Ein arabischer Briefträger in Waran gab sich für eine Heuschrecke aus und machte solange Flugversuche von der Stadtmauer herab, bis er das Bein brach. Manchmal treten ganz unerwartet brutale Roheitsakte bei sonst sehr ruhigen und friedliebenden Temperamenten auf. Ich habe gesehen, wie ein Nachtwächter in Damaskus einem harmlosen Spaziergänger ohne jeden Anlaß einen solchen Tritt in den Magen versetzte, daß der arme Teufel vom Fleck weg ins Spital gebracht werden mußte.«
»Die Rauschwirkung wird sich aber wahrscheinlich bei den einzelnen Rassen doch auf verschiedene Art äußern, nicht wahr?« fragte der Hofrat.
»Ich möchte da sogar noch weitergehen. Wenn ich von einzelnen, unbedingt sich immer wieder zeigenden Symptomen absehe, dürfte jedes einzelne Individuum in besonderer Art auf den Haschischgenuß reagieren.«
Die Herren waren im Eifer der Debatte stehen geblieben. Es wäre aber unrichtig, zu glauben, sie wären durch das Gesprächsthema so weit absorbiert worden, daß sie den Blick für all das, was in dem menschenerfüllten Park rings um sie vorging, verloren hätten. Das Gegenteil ist richtig. Ein Gummiball, den ein kleiner Bub seinem Kameraden aus der Hand geschlagen hatte, war knapp vor die Füße des Hofrates gerollt. Der Gelehrte hob ihn auf, betrachtete ihn nachdenklich und versuchte ihn sodann in seiner Rocktasche unterzubringen, offenbar im Glauben, daß ihm selbst der Ball eben aus den Händen gefallen sei. Professor Truxa lächelte nachsichtig und nahm dann behutsam seinem Freunde das Spielzeug aus den Händen, sehr darauf bedacht, den Hofrat in seinem Gedankengang nicht zu stören. Gleich darauf vergaß er jedoch selbst, wie er in den Besitz des Balles gekommen war, hielt ihn ratlos in den Händen und wußte nicht, was mit ihm beginnen. Der unglückliche Eigentümer des Spielzeugs war bis auf einige Schritte herangekommen und beobachtete mißtrauisch und stets fluchtbereit die weitere Entwicklung der Dinge.