Er rannte um sein Leben, blind und verzweiflungsvoll, ohne sich umzusehen. Und Herr Skuludis, eifrig winkend, gestikulierend und rufend, hinter ihm her.

Dann gelang es Demba, sich der Verfolgung durch einen Sprung auf einen Autoomnibus zu entziehen.

Herr Skuludis blieb stehen und sah ihm kopfschüttelnd und mit Bedauern nach. Auf einen Wettlauf mit dem Omnibus konnte er sich nicht einlassen. Er mißbilligte diese kopf- und sinnlose, überstürzte Flucht. Seine anfängliche Abneigung gegen Demba war einer starken Sympathie gewichen. Jeder Groll war aus seiner Seele geschwunden. Wie gerne wäre er ihm mit Rat und Tat beigestanden. Denn er hatte in Demba den begabten, jungen Anfänger in seiner Zunft erkannt, der, weiß Gott auf welche Art in eine mißliche Situation geraten war.

14

Stanislaus Demba verließ den Omnibus und ging langsam die Mariahilferstraße hinunter. Er überlegte. Steinbüchlers? Nein. Das geht nicht. Bei Steinbüchlers geb' ich erst seit drei Monaten Stunden. Da kann ich doch nicht gut schon jetzt um einen Vorschuß bitten. Außerdem, sie sind kleinliche Menschen, der Herr Steinbüchler ebenso wie seine Frau. Von dem Honorar, das ich verlangt hab', – es waren ohnehin nur fünfundfünfzig Kronen für sechs Stunden in der Woche –, haben sie mir fünf Kronen heruntergehandelt. Wenn einmal an einem Feiertag eine Lektion ausfällt, oder wenn der Bub krank ist, ziehen sie mir's ab. Und dabei sind es vermögende Leute. Er ist Prokurist in einer Regenschirmfabrik und sie hat einen Kleidersalon. Aber nach dem Ersten muß ich sie immer drei oder viermal mahnen, ehe sie so um den Sechsten herum mit dem Geld herausrücken. Auch ihrem Stubenmädchen bleiben sie schuldig. Nein, mit Steinbüchlers ist's nichts.

Bleibt noch Dr. Becker. Da bekomm' ich das Geld ohne weiteres. Das sind vornehme und feine Leute, da brauch' ich nur ein Wort zu sagen, nur eine Andeutung zu machen, und ich hab' das Geld. Freilich, wenn ich sag', daß ich jetzt vierzehn Tage ausbleiben werde, das wird ihnen nicht recht sein. Der Junge steht miserabel in Geographie und Physik. Da muß ich einen zwingenden Grund für mein Ausbleiben angeben, einen Grund, der den Leuten sofort einleuchtet. Nun, es wird mir schon einer einfallen, ich hab' ja noch fünf Minuten zu gehen.

Dr. Becker wohnte am Kohlmarkt im vierten Stock eines neuen Hauses. Neben dem Haustor über der Glocke hing seine Tafel: Dozent Dr. R. Becker, ordiniert von zwei bis fünf.

Stanislaus Demba benützte den Lift nicht, sondern stieg langsam die Treppe hinauf. Als er das zweite Stockwerk erreicht hatte, blieb er stehen. Ein Gedanke war ihm gekommen.

Er blickte sich um. Das Treppenhaus war leer. Kein Mensch war zu sehen.

Jetzt fuhr Demba mit den Händen in seine Rocktasche und zog ein Taschentuch hervor. Dabei fiel ihm der Wohnungsschlüssel aus der Tasche, und er bückte sich ärgerlich, um ihn aufzuheben. In diesem Augenblick stieg der Lift lautlos an ihm vorbei in die Höhe.