Sofort fuhren Dembas Hände zurück unter den Mantel. Erschrocken blickte er dem Aufzug nach. Aber die Tür des Aufzugs war von Milchglas, sah er zu seiner Befriedigung. Der Insasse konnte unmöglich die Handschellen gesehen haben.

Jetzt läutete es oben. Der Aufzug fuhr leer wieder hinunter. Demba wartete, bis die Wohnungstür im dritten Stock geöffnet und wieder geschlossen wurde. Man kann nicht vorsichtig genug sein. So, und nun –

Zum Kuckuck! Gerade jetzt muß jemand die Treppe herunterkommen. Wieder verbarg Demba die Hände. Und wie langsam das ging! Eine alte Dame, die sich auf den Arm ihres Stubenmädchens stützte. Und just neben Demba blieb sie stehen und ruhte aus. – Jetzt ging sie wieder. Endlich. Aber da kam schon wieder wer anderer die Treppe herauf!

Die Zeitungsausträgerin, die das Abendblatt brachte. Sie legte eine Zeitung vor die Tür des zweiten Stockwerks und ging dann in den dritten Stock hinauf.

Bevor sie nicht wieder unten ist, darf ich nichts machen, da heißt's einfach warten –, dachte Demba. Gelangweilt blickte er auf die Zeitung hinunter, die auf der Strohmatte zu seinen Füßen lag, las gleichgültig eine in großen Lettern gedruckte Aufschrift: ›Rücktritt des ungarischen Ministerpräsidenten‹, und plötzlich durchfuhr es ihn, ob nicht schon –. Wie, wenn schon etwas in den Abendblättern steht von meiner Flucht durchs Fenster. Vielleicht steht schon ein langer Bericht darin, alles ganz genau, ›der Täter entzog sich der Verhaftung durch einen verwegenen Sprung aus dem Dachbodenfenster in den Hof‹, steht vielleicht drinn, und ›anscheinend blieb er unverletzt, die Polizei ist dem Flüchtling auf der Spur.‹ – Oder vielleicht steht gar dort: ›Der Verdacht der Täterschaft lenkt sich auf einen gewissen Stanislaus D., Universitätshörer. Seine Verhaftung steht unmittelbar bevor.‹

Voll Ungeduld und in maßloser Aufregung wartete Demba, bis die Zeitungsausträgerin die Treppe wieder hinunterging. Jetzt erst konnte er die Zeitung vom Boden aufnehmen. Hastig durchflog er sie.

Lokalnotizen. Wo sind die Lokalnotizen? Unter den Lokalnotizen muß es stehen. Da sind sie. Kleine Chronik. Sein Auge flog über die Spalte.

Musikalischer Zapfenstreich. – Die Generalversammlung des niederösterreichischen Jagdverbands auf Dienstag, den einundzwanzigsten, verschoben. – Filmbrand auf der Straße. – Oberinspektor Hlawatschek gestorben. – Ein seltenes Jubiläum. – Ein Selbstmordversuch, halt. Was ist das? Die Gattin des Realschulprofessors Ernest W., Frau Kamilla W., hat gestern in ihrer in der Babenbergerstraße gelegenen Wohnung Veronal –, nichts! Weiter. Unfall in der Hauptwerkstätte der städtischen Straßenbahnen. – Die Tat einer Mutter. – Schluß.

Nichts steht noch in der Zeitung. Natürlich. Das hätt' ich mir gleich denken können. Wenn die Polizei sich blamiert, dann beeilt sie sich nicht mit der Veröffentlichung. Lustig. – Demba faltete die Zeitung zusammen und legte sie vorsichtig zurück auf die Türschwelle.

Dann breitete er sein Taschentuch aus. Er glättete es, faltete es zusammen, daß es aussah, wie eine Kompresse und schlang es dann viermal um seine rechte Hand, daß nur die Fingerspitzen sichtbar blieben. Er fand zwei Sicherheitsnadeln in seiner Pelerine, mit denen er den Notverband befestigte, eine durchaus nicht einfache Arbeit, wenn man die Knöchel aneinandergefesselt hat. – So, jetzt war er fertig.