»Hast du denn nicht gehört?« rief Viky. »Der ›jugendliche Leichtsinn‹ hat er doch gesagt.«
»Also, wie war es, Herr Demba,« drängte Elly. »Erzählen Sie! Fangen Sie an. Wir hören alle zu. Also: So stand ich und so führt ich meine Klinge –«
Demba fand, daß man sich mehr, als es gut tat, mit seiner Person beschäftigte. Er versuchte das Gespräch auf das Duell im allgemeinen hinüberzulenken. Viky gab die Erklärung ab, daß das Duell vom Standpunkt eines Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts aus betrachtet eine ganz, aber schon ganz sinnlose Einrichtung sei. Elly gab das zu, meinte aber, man müsse die Mensuren als Sport nehmen, und da erfüllten sie ihren Zweck. Anny erzählte eine längere Geschichte von einem Bekannten, der an einem einzigen Tag drei Gegner abgeführt hätte, und ließ durchblicken, daß sie selbst der unschuldige Anlaß dieser Affäre gewesen sei. Sie nannte den Namen dieses verwegenen Kämpfers und wollte wissen, ob Demba ihn kenne.
Demba hatte nicht zugehört. Er hatte mit Ellys Hilfe die Sandwichesschüssel geleert, und zuletzt ein paar Bissen von einem mit stark gewürzten Fleisch belegtem Brot gegessen. Jetzt verspürte er plötzlich heftigen Durst. Er benützte die Gelegenheit, daß die Aufmerksamkeit aller drei Mädchen durch einen Fächer mit zahllosen Unterschriften, Widmungen und Versen, den Elly Becker herzeigte, in Anspruch genommen war, um sich vorsichtig mit den Händen an ein Wasserglas heranzupürschen, als die Türe aufgestoßen wurde und ein Bernhardiner ins Zimmer trottete, der sein regendurchnäßtes Fell schüttelte und von Anny, Viky und Elly stürmisch begrüßt wurde. Gleich darauf kam das Stubenmädchen und teilte Herrn Demba mit, daß die gnädige Frau nach Hause gekommen sei.
Frau Dr. Becker war eine Dame von ausgeprägtem Wohltätigkeitssinn. Sie war teils Vorstandsdame, teils Mitglied verschiedener Wohlfahrtsvereine, versammelte mehrmals im Monat eine Anzahl Damen zu Ausschußberatungen, Vorbesprechungen und Komiteesitzungen in ihrer Wohnung und hatte die Gewohnheit, von jedem ihrer Spaziergänge kleine Straßenhausierer und bettelnde Kinder mit nach Hause zu bringen, die vorerst durch eine mit Gründlichkeit vorgenommene Reinigung eingeschüchtert und dann durch Kaffee, Obst und Semmeln teilweise entschädigt wurden. Auch heute standen zwei kleine Buben mit ängstlichen Gesichtern im Vorzimmer in der Nähe der Tür. Ihre Schuhriemen und Englischpflaster hielten sie noch in den Händen. Ein drittes Kind wurde offenbar gerade gesäubert, denn aus der Küche kamen durchdringende Schreie und das laute Schelten der Köchin.
Frau Dr. Becker hatte sich bereits umgezogen, saß in ihrem Zimmer und trank Tee, als Demba eintrat.
»Ja, was sind das für Sachen!« rief die kleine, bewegliche Dame Demba entgegen. »Das Stubenmädchen hat mir schon erzählt – was ist denn eigentlich geschehen?«
»Ein kleiner Unfall, weiter nichts, gnädige Frau.« Demba erzählte seinen Roman von der Kerze und dem brennenden Fenstervorhang, erfand noch ein paar infolge der Hitze gesprungene Fensterscheiben hinzu und lieferte die genaue Beschreibung eines Strohsessels, der gleichfalls Feuer gefangen hatte. Er dachte daran, einen Kanarienvogel, den er mit Gefahr des Lebens samt dem Käfig aus dem Bereich des Feuers in Sicherheit gebracht hätte, hinzuzudichten, sah aber schließlich davon ab, um seiner Erzählung nicht einen sentimentalen und romantischen Einschlag zu geben.
»Sollte man denken, daß solche Unvorsichtigkeit möglich ist?« sagte Frau Dr. Becker. »Sie können wirklich Gott danken, daß Sie so davongekommen sind. Lassen Sie die Hand einmal anschauen.«
Das war Demba nicht recht. Mißtrauisch brachte er seine Hand zur Hälfte aus dem Mantel hervor.