Der rothaarige Postbeamte war wieder da, der tags zuvor geschworen hatte, daß er sich heute zum letztenmal mit dieser Bande von Bauernfängern an einen Tisch gesetzt habe. Dann der Geschäftsreisende, der immer bei Geld und doch seit zwei Jahren stellungslos war. Der Kellner aus dem Praterwirtshaus, der die Trinkgelder, die er die Woche über eingenommen hatte, an seinem dienstfreien Abend hier verspielte. Die Frau Suschitzky, die ehemalige Heiratsvermittlerin, die in der Gegend zwischen der Augartenbrücke und dem Praterstern überall bekannt und jetzt zur Vermietung ungenierter Absteigequartiere übergegangen war, aber auch der Vermittlung kurzfristigerer Gelegenheiten nicht durchaus ablehnend gegenüberstand. Der Häuseragent, der »Durchlaucht« genannt wurde – ohne ersichtlichen Grund übrigens, denn er bezahlte seine Spielverluste durchaus nicht in der Haltung eines Großfürsten. Der Rechnungsfeldwebel, der in tschechischer Sprache lasterhaft fluchte, wenn statt seiner ein anderer gewann. Der »Herr Redakteur«, der auf die Frage, für welches Blatt er arbeite, immer mit wegwerfender Gebärde zur Antwort gab: »Für alle«. Der Sparkassenbeamte, der mit seinem Hund und seiner Freundin erschien, dem Hund vom Pikkolo Wursthäute, der Freundin ein paar zerlesene Zeitschriften bringen ließ, um sie dann beide im Eifer des Spieles gänzlich zu vergessen; und schließlich Hübel, der halbverbummelte Mediziner, der noch nicht, und Dr. Rübsam, der schon lange nicht mehr Doktor war.
Dr. Rübsam hielt die Bank und gewann natürlich wieder einmal. Zu Beginn des Spieles hatte er drei zerknitterte Zehnkronennoten aus der Brieftasche genommen und als Betriebskapital vor sich auf den Tisch gelegt, eine lächerlich geringe Summe für eine Partie, in der er dem Gewinner dreifaches Geld auszahlen mußte. »Mit dem Geld will ich heut sechshundert Kronen gewinnen,« hatte er zu Beginn der Partie mit aufreizender Offenheit gesagt. »Ich geb's nicht billiger. Genau soviel hab' ich gestern beim Rennen verspielt. Das muß ich wieder hereinbringen.« Und jetzt, während des Spiels, fragte er, so oft er den Einsatz der anderen einstrich: »Hab' ich schon gesagt, daß ich heut sechshundert Kronen gewinnen will? Setzen Sie, meine Herren! Setzen! Setzen! In dem Tempo komm' ich heut nicht zu meinem Geld!«
Der Postbeamte, der Feldwebel und die Suschitzky kochten vor Wut, denn Dr. Rübsam gewann wirklich. Auf seinem Platz häufte sich das Geld. Hie und da nahm er ein paar Banknoten vom Tisch weg und brachte sie in seiner Tasche in Sicherheit. Auf dem Stuhl neben ihm lagen seine Aktentasche, ein Paar abgenutzte Manschetten, die er der Bequemlichkeit halber abgelegt hatte, seine Zigarre und eine goldene Uhr, auf die er hin und wieder einen Blick warf. Bis acht Uhr abends wollte er spielen, nicht eine Minute länger. Um acht Uhr abends mußte er »zur Sitzung«, hatte er gesagt. Niemals versäumte Dr. Rübsam, sich solch einen Termin zu setzen. Er entging auf diese Art dem Drängen nach Revanche, bei der er das gewonnene Geld hätte höchst überflüssiger- und unnützerweise nochmals aufs Spiel setzen müssen, und entzog sich gleichzeitig den Herzenstönen der Frau Suschitzky, die ihm immer nach der Partie mit beweglichen Klagen einen Teil der Beute abzunehmen versuchte.
An die »Sitzung« glaubte natürlich niemand. Seit seiner Verurteilung, die ihn den Doktorgrad und das Recht auf Ausübung der Advokatur gekostet hatte – er hatte an einem seiner Klienten Erpressungen begangen –, lebte er von seinen und anderer Leute Renten, und die Aktentasche trug er nur aus alter Gewohnheit mit sich herum. Zu den Kosten seiner Lebenshaltung trugen nun Staat und Gesellschaft in vielerlei Formen bei: der Sparkassenbeamte lieferte ihm pünktlich seine Gehaltsvorschüsse ab; die Unterstützungen, die der Reisende von der Mutter seiner Frau erhielt, fanden auf dem Umweg über das Bukidomino gleichfalls den Weg in Dr. Rübsams Taschen, ebenso wie die zahlreichen Nebeneinkünfte des Rechnungsfeldwebels und die Steuern, die Frau Suschitzky der genußfrohen Jeunesse dorée der Leopoldstadt auferlegte. Staat und Ärar, Kommerz und Lebewelt wirkten einträchtig zusammen, um Dr. Rübsam eine standesgemäße Lebensführung zu ermöglichen.
Die Dominosteine klapperten, die wütend auf den Tisch geschleuderten Silbergulden klirrten, der Regen schlug an die Scheiben, und von den Überziehern und Schirmen an der Wand floß das Regenwasser in dünnen Bächen, die sich auf dem Fußboden zu kleinen Teichen vereinigten. Dr. Rübsam machte trotz des Aufruhrs der Elemente ein höchst zufriedenes Gesicht. Die Stimmung gegen ihn wurde immer gereizter, aber zu den sechshundert Kronen fehlte nicht mehr viel, und er blickte immer häufiger auf seine goldene Uhr.
Der Pikkolo steckte den Kopf zur Tür herein.
»Herr Doktor werden verlangt.«
»Wer? Ich?« Dem Doktor, der gerade die Dominosteine austeilte, waren Störungen während seiner Geschäftsstunden sehr unwillkommen.
»Nein. Herr Doktor Hübel.«
Der lange Mediziner stand auf. Er hielt einen Zehnkronenschein zwischen den Fingern, und überlegte gerade, ob er diesen letzten Rest seiner Barschaft auf einmal riskieren sollte.