»Ob du schon gesetzt hast, Demba, fragt der Herr Doktor,« erklärte Hübel. »Auf wen soll ich setzen?«
»Auf wen du willst,« sagte Demba, und sah noch immer voll Schauer auf des Doktors Finger, die ihn ängstigten und erschreckten.
»Ja. Setz' alles auf einmal.«
Vier Reihen Dominosteine lagen auf dem Tisch. Die nahmen am Spiel nicht teil. Jede Reihe repräsentierte einen der Spieler. Hübel schob den Zehnkronenschein in den Spalt zwischen die zweite und dritte Reihe, und hatte damit auf den Sieg »Semmelbrösels« gewettet, des Kellners, der diesen Spitznamen einer Unzahl gelblicher Gesichtspickel verdankte, die ihm auf den Wangen und auf dem Kinn standen. Das Spiel nahm seinen Anfang, und der »Herr Redakteur« startete unter allgemeiner Spannung mit dem ersten Stein.
Demba wandte sich ab. Er wollte nicht wissen, was mit seinem Geld geschah. Er suchte irgend etwas, worin er lesen konnte, um nicht sehen und nicht hören zu müssen, eine Zeitung oder ein illustriertes Blatt. Aber nur eine Nummer der »Österreichischen Kaffeesiederzeitung« hing an der Wand. Und die begann Demba zu lesen.
Annoncen. Gleich auf der ersten Seite. Hundertfünfzig grüne Stühle für einen Gasthausgarten bot einer an. Schnäpse, prima Qualität, wollte ein zweiter liefern. Ein Orchestrion hatte ein anderer zu vergeben. Kristalleis! Hunderttausend Papierservietten! Zigarrenanzünder! Praktisch! Modern! gellte es durch die Spalten. Geld wollte ein jeder verdienen, alles schrie, alles drängte sich vor, die Welt war ein großer, runder, grünüberzogener Spieltisch, von Schnäpsen befleckt, von Zigarrenasche beschmutzt, Silber klirrte, Papiergeld flatterte, hinter jedem Gulden, der durch die Welt rollte, waren schon tausend gierige Hände her, Hände, behaarte Hände mit verkrüppelten Fingern, die dennoch zu greifen verstanden, wie Polypenarme, – und in all dem Wirrsal von Hast, Schacher, Gewinnsucht, Wucher und Betrug hatte er, Demba, sich unterfangen, seine Hände schüchtern nach seinem Teil auszustrecken, nach einer armseligen Handvoll Geld, um die sich tausend andere geballte Fäuste rauften, die ihn fortstießen und beiseite drängten. Und Demba wurde plötzlich mutlos und verzagt und gab seine Sache auf, und wollte sich voll Scham über seinen kläglichen Versuch heimlich zur Tür hinausschleichen.
Da kam vom Spieltisch her mit einem Male Lärm und Geschrei. Die Suschitzky nannte einen von den Spielern einen ordinären Gauner, der dem Rübsam einen »Zund gegeben« habe. Der Redakteur rief: »Jetzt versteh' ich alles!« »Semmelbrösel« zeterte unausgesetzt: »Mein Geld will ich endlich haben!« Und neben Demba stand der Mediziner, hielt Geld in der Hand und sagte:
»Siehst du, Demba. Was hab' ich gesagt? Du hast gewonnen.«
»Wieviel?« fragte Demba ohne aufzusehen.