»Nichts,« sagte Demba. »Ich verlor das Bewußtsein.«

»Gleich verlorst du das Bewußtsein?« hauchte das Mädchen, bleich vor Entsetzen.

»Nein. Gleich nicht. Ich glitt das Schieferdach hinunter, das weiß ich noch. Und dann schossen zwei Schwalben aus ihrem Nest neben der Dachluke. Es war mir auch, als ob ich einen Schrei hörte, und ich hatte im gleichen Augenblick einen seltsamen, seit Jahrzehnten nicht mehr gefühlten Groll wegen meiner Mutter. Einmal nämlich, vor vielen Jahren, als ich ein kleines Kind war, hat mich meine Mutter auf die Erde fallen lassen. Und damals hatte ich ein Gefühl, halb Angst, daß ich mir etwas tun würde, halb kindischen Zorn, weil meine Mutter so schrie. Und das gleiche Gefühl hatte ich jetzt wieder. Aber gleich darauf verlor ich das Bewußtsein. Wahrscheinlich bin ich im Fallen mit dem Kopf irgendwo angeschlagen, an der Mauer des Hauses vielleicht, oder an der Dachrinne.

Als ich wieder zu mir kam, wußte ich nicht, was geschehen war. Ich bemühte mich, zu denken. Es ging nicht. Ich konnte keinen Gedanken fassen. Es war qualvoll. Aber dann plötzlich ging's wieder. ›Wer bin ich eigentlich?‹ fragte es in meinem Kopf. Nicht so deutlich, nicht so in Worten, wie ich es dir jetzt sage, sondern solch quälendes Haschen und Tasten war es nach irgendeinem festen Punkt in der wüsten Leere. Dann wußte ich wieder, wer ich war, und fragte mich nur: ›Wo bin ich denn?‹ Und es kamen Antworten: ›Zu Hause in meinem Bett, der Miksch – das ist mein Zimmerkollege – wird gleich kommen, aufstehen!‹ Und dann wieder: Im Klassenzimmer der Quinta auf meinem Platz in der vorletzten Bank. Nein, wie kann einem das nur passieren, daß man bei hellichtem Tag im Kaffeehaus einschläft! Mit einemmal aber konnte ich alles ringsum mich her erkennen, das Buschwerk, den Baum, die Häuser drehten sich im Kreis, ich erinnerte mich an den alten Trödler, an den Senftiegel aus Kupferemail und an die beiden Polizisten, und ich wußte plötzlich genau, was geschehen war und wo ich mich befand.

Das Grammophon aber spielte noch immer, und noch immer hielt es bei: Hinüber rucken. Vom Kirchturm her hallten die Glockenschläge, neun Uhr. Das Ganze: der Sturz, die Ohnmacht und das Haschen nach Bewußtsein hatte zusammen nicht länger als zwei Sekunden gedauert.

Der Kopf tat mir entsetzlich weh. Ich versuchte trotzdem aufzustehen. Es ging. Neben mir lagen zwei zerbrochene Zweige. Ich war durch das Astwerk des Nußbaums gefallen, und das hatte die Wucht des Sturzes gemildert. Ich versuchte zu gehen. Auch in den Beinen spürte ich jetzt einen leichten Schmerz. Wahrscheinlich habe ich ein paar Hautabschürfungen davongetragen.

Ich blickte mich um. Kein Mensch war sichtbar. Niemand hatte mich gesehen. Nur eine Katz rannte in hastiger Flucht quer durch den Garten. Die beiden Polizisten plagten sich wahrscheinlich noch immer mit dem Türschloß der Dachkammer.

Die Kopfschmerzen vergingen. Mein Mantel und mein Hut lagen neben mir auf der Erde. Ich raffte beide auf. Auch meine Brille, die merkwürdigerweise nicht zerbrochen war. Ich bemerkte, daß ich auf einen Sandhaufen gefallen war, und bürstete mir den Rock und die Hosen ab, so gut ich konnte. Dann ging ich durch den Gang und das offene Haustor hinaus, ohne einem Menschen zu begegnen, bog in die Gasse ein und war frei!«

Stanislaus Demba erhob sich und ließ sich langsam wieder nieder. Er blickte auf den Boden und dachte nach. Dann sagte er:

»Bis auf die Handschellen.«