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»Ja,« sagte Demba. »Bis auf die Handschellen. Das hab' ich dir doch gesagt, daß sie mir Handschellen angelegt haben, als ich zum zweitenmal auf den Alten losgehen wollte. Oben in seinem Zimmer an der Glastüre. Wie ich nun unten im Garten stand, beachtete ich sie anfänglich gar nicht. Es kam mir wirklich nicht zum Bewußtsein, daß ich gefesselt war, auch nicht, als ich mir den Rock abbürstete. Ich war frei. Ich konnte gehen, so rasch, als ich wollte und wohin ich wollte. Ich konnte verschwinden. Das war alles, was ich fühlte.

Die Klettengasse war menschenleer. Ich dachte gar nicht daran, die Hände zu verstecken, so unvorsichtig war ich, so leichtsinnig. So gering wertete ich das Mißgeschick, das mich betroffen hatte und die Gefahr, die in den Handschellen auf mich lauerte.

Ich spürte wieder den ekelhaften Malzgeruch und hielt mir die Nase mit den Händen zu. Ich ging an einem Fenster zur ebenen Erde vorbei und ein altes Weib schaute durch die geschlossenen Scheiben auf die Gasse. Mit einemmal bekam ihr Gesicht einen grauenvoll, entsetzten Ausdruck, sie erstarrte vor Schreck. Sie hielt den Mund geöffnet und starrte mich an, sie vermochte nicht zu rufen und nicht zu schreien. Da erschrak ich selber über dieses entsetzte Gesicht und über mich selbst und versteckte die Hände unter dem Mantel, den ich über den Arm gelegt trug. Dann bog ich um die Ecke.

Ich ging durch ein Gewirr von engen Gassen, wechselte häufig die Richtung und war bald sicher, daß mich die beiden Polizeiagenten nicht mehr auffinden konnten, wenn ihnen nicht ein Zufall zu Hilfe kam. Ich trachtete nun rasch aus dem Heiligenstädter Bezirk fortzukommen. Als ich an einem bettelnden alten Mann vorbeikam, blieb ich stehen und wollte ihm ein paar Kreuzer schenken. Fünfzig Heller, dachte ich mir, als Dank an die Vorsehung, weil ich wieder frei war. Aber im letzten Augenblick fiel mir ein: ›Das geht ja nicht. Ich verrate mich ja, wenn ich mit meinen Händen in die Tasche fahre.‹ Ich ließ ihn stehen. Er hatte schon Dankworte und Segenswünsche hergeleiert, und war wahrscheinlich enttäuscht. Aber ich konnte ihm nicht helfen und blieb für ein paar im voraus erhaltene ›Vergelt's Gott tausendmal, junger Herr‹ in seiner Schuld. Und jetzt erst, im Weitergehen, fühlte ich zum erstenmal, daß die Handschellen mehr waren, als ein kleines, ärgerliches Mißgeschick, wenn ich auch noch nicht ahnte, was sie in Wirklichkeit bedeuteten: eine furchtbare, atemberaubende Last, die mich erbarmungslos zu Boden ziehen würde, wie in Tausendundeiner Nacht jener Alte, der sich an Sindbad des Seefahrers Rücken hing.

Ich hörte das Läuten einer Elektrischen, ging rascher und kam auf einen Platz mit einer kleinen Parkanlage. Bei der Haltestelle stand ein Tramwaywagen. Ich stieg ein. Aber kaum war ich oben, so kam mir auch schon der Gedanke: ›Lieber Gott, ich kann doch unmöglich zahlen mit meinen gefesselten Händen.‹ Zum Glück war der Wagen voll Menschen und der Schaffner stand noch ziemlich weit vor mir. Ich fuhr ein Stück Wegs mit, und als dann der Schaffner in meine Nähe kam, stieg ich aus, als hätte ich mein Fahrziel erreicht und ging zu Fuß bis zur nächsten Haltestelle. Das machte ich drei- oder viermal. Die Methode war gut, ich kam bald in eine ganz andere Gegend und war in Sicherheit.«

»Und sie können dich gewiß nicht finden, Stanie?« fragte Steffi Prokop ängstlich.

»Darüber brauchst du dir keine Sorgen zu machen, Kind. Wien ist groß. Und wenn ich den beiden Polizisten durch einen bösartigen Zufall doch in den Weg laufen sollte, so erkennen sie mich gewiß nicht. Sie haben mich nur ganz kurze Zeit und nur im Halbdunkel eines alten Hauses gesehen. Außerdem trage ich jetzt einen anderen Hut und Mantel; die Pelerine ist, glaub' ich, eigens für Leute, die ihre Hände verstecken wollen, erfunden. – Und schließlich hab' ich mir heute den Schnurrbart englisch stutzen lassen. Ich sehe doch jetzt ganz anders aus als sonst, nicht wahr?«

»Ja. Ein bißchen verändert.«

»Nun also. Siehst du,« sagte Demba befriedigt. »Es war übrigens nicht gar so einfach, das sich rasieren lassen. Es ging gut aus, aber ich hätte leicht in die allergrößte Verlegenheit kommen können. Ich war nämlich vorsichtig gewesen und hatte, bevor ich in den Laden ging, in einem Haustor das Geld aus der Tasche genommen. Während ich rasiert wurde, hielt ich die ganze Zeit über die fünfzig Heller in der Hand. Als ich fertig war, stand ich auf und ließ, während mich der Gehilfe abbürstete, das Geld scheinbar aus Ungeschicklichkeit auf die Erde fallen. Der Gehilfe hebt es auf, und ich freue mich schon über meine gute Idee und will gehen, da sagt er: