»Also ich denk' mir, wahrscheinlich hat er sich eine von deinen Virginiern genommen und sie unter dem Mantel verstecken wollen, und darum war er so verlegen, als ich ins Zimmer kam. Ich ruf' also: ›Herr Demba, Sie haben sich ein Loch in ihren Mantel gebrannt.‹ Der Demba springt auf und läßt die Zigarre auf die Erde fallen. Es war aber gar keine Virginier, es war eine kleine, dicke, solche rauchst du doch gar nicht, die muß er sich selbst mitgebracht haben. Aber warum hat er sie dann versteckt? Das versteh' ich nicht. Also kurz und gut, mit einem Wort, er läßt die Zigarre fallen und sie liegt auf dem Teppich und qualmt, auf dem kleinen Teppich, weißt du, den wir von der Tante Regine bekommen haben aus Revanche dafür, daß du ihr vor zwei Jahren den Ehrenbeleidigungsprozeß gegen ihren Hausherrn geführt hast. Also auf den Teppich fällt die brennende Zigarre. Ich bin furchtbar erschrocken, aber der Demba steht seelenruhig dabei, als ob ihn das nichts anginge und sieht zu, wie sie mir ein Loch in den Teppich brennt und macht keine Miene, sie aufzuheben.

Ich ruf: ›Herr Demba, wollen Sie nicht Ihre Zigarre aufheben? Sie sehen doch, daß sie mir den Teppich ruiniert!‹ Der Demba wird feuerrot im Gesicht und furchtbar verlegen und hustet und stottert und bringt kein Wort heraus und endlich sagt er: ›Entschuldigen Sie, gnädige Frau, ich darf mich nicht bücken, der Arzt hat's verboten, ich bekomm' sofort Blutsturz, wenn ich mich bücke, hat der Arzt gesagt.‹ – Hast du schon so etwas gehört? Was sagst du dazu?« –

Der Advokat sagte »hm« dazu.

»Also, was bleibt mir übrig, ich hab' halt selbst die Zigarre aufgehoben, wenn sich der Herr Demba nicht bücken kann,« sagte Frau Dr. Hirsch mit bitterer Ironie und seufzte leicht auf. Es war der kurzatmigen, starkgeschnürten, korpulenten Dame anzusehen, daß das Aufheben der Zigarre für sie ein mit erheblichen Schwierigkeiten verbundenes Turnkunststück ersten Ranges dargestellt hatte.

»Der Teppich war aber schon ganz versengt,« fuhr sie nach einer Weile fort, »und hatte einen großen, schwarzgebrannten Fleck. Ich war natürlich nicht mehr in der Stimmung, mich mit dem Herrn Demba weiter zu unterhalten, das begreifst du ja. Ich zähl' ihm also das Geld auf den Tisch. Und jetzt kommt das Interessante. Was glaubst du, daß geschieht: Der Herr Demba nimmt das Geld nicht. Er läßt es liegen. Ich sage: ›Also bitte, hier sind die achzig Kronen!‹ Er schüttelt den Kopf und macht ein so verzweifeltes und unglückliches Gesicht, daß er mir beinahe wieder leid getan hat. ›Aber, Herr Demba!‹ sag' ich. ›Sie werden mir doch nicht den Teppich bezahlen wollen, wir sind ja gegen Brandschaden versichert.‹ Er starrt das Geld an und nimmt es nicht. ›Also, das ist doch lächerlich, so nehmen Sie doch das Geld,‹ sag' ich. – ›Nein. Ich kann das Geld leider nicht nehmen‹, gibt er zur Antwort und ist wieder blutrot im Gesicht. Nun, denk' ich mir, wenn er das Geld absolut nicht nehmen will, weißt du, streiten werd' ich mich mit ihm nicht. Aufdrängen werd' ich ihm doch die achzig Kronen nicht, hab' ich recht? Ich sag' also: ›Herr Demba, wenn Sie mir durchaus den Schaden ersetzen wollen, es ist zwar ein Unsinn von Ihnen, aber schließlich –‹ und will das Geld wieder einstecken. Und wie ich es in die Hand nehm', da schaut er mich so böse und wütend an, wie wenn er mich mit den Zähnen zerreißen wollt'. Ich bin direkt erschrocken, so hat er mich angeschaut, und hab' das Geld liegen lassen. Und ich denk' mir: Was will der Mensch eigentlich? Will er das Geld oder will er es nicht? Auf einmal sagt er: ›Gnädige Frau! Wozu zerbrechen wir uns eigentlich den Kopf? Sie haben doch einen Rechtsgelehrten im Haus. Bitte, lassen Sie das Geld hier liegen, gehen Sie zu Ihrem Herrn Gemahl hinein und tragen Sie ihm den verwickelten Rechtsfall vor. Wenn er finden sollte, daß ich nicht verpflichtet bin, Schadenersatz für den Teppich zu leisten, so werde ich das Geld ohne weiteres nehmen.‹

›Gut,‹ sag' ich, nehm' das Geld zusammen und steck' es ein. Weißt du, ich werde es doch nicht auf dem Tisch liegen lassen, die Dienstboten gehen fortwährend durchs Zimmer, was braucht denn die Anna zu wissen, wieviel der Demba Gehalt bekommt? Hab' ich recht?«

»Gewiß, mein Kind,« sagte der Advokat.

»Also, was meinst du dazu? Soll ich mir wirklich von dem Demba die achzig Kronen zahlen lassen?«

»Natürlich ist es die Assekuranz, die verpflichtet ist, uns den Schaden zu ersetzen, nicht der Hauslehrer,« sagte der Advokat und strich sich den Bart. »Aber dieser Herr Demba beginnt mich zu interessieren. Es ist merkwürdig, was für ein starkes Rechtsempfinden mitunter gerade bei Nichtjuristen zu finden ist. Ich werde mal selbst mit ihm sprechen.«

Als der Advokat in den Salon kam, traf er Herrn Demba, dem die Unterredung zu lange gedauert zu haben schien, nicht mehr an. Das Zimmer war leer.