Ferne Stadtgeräusche, kaum hörbar von Hupentönen durchstoßen: Das Leben der Gegenwart, die Arbeit, die ihren Gang ging, laut und leise. Bei der Bank war es still.
Ein schwarzgekleideter Herr dreht die Schulter halb rückwärts, grüßt, etwas hochmütig, nach der Seite hin. Viele Herren und dekolletierte Damen bewegen sich unter den lichtblitzenden Riesenkronleuchtern im großen Saale. Alle grüßen den Schwarzgekleideten. Blicke, achtungsvolle, neidische, prüfende, folgen ihm.
‚Der Schulkamerad, der sich in der Wissenschaft schon einen Namen gemacht hat ... Mag er!‘
Sie essen nicht, trinken nicht; sie gehen umher, blicken dem Schwarzgekleideten nach, sprechen über ihn und warten. ‚Nein, Musik ist keine da.‘
Jürgen, in knappsitzendem Gesellschaftsanzug, beherrschte Kraft in Schultern und Brust, beherrschtes, natürliches, berechtigtes Selbstbewußtsein in Blick und Worten, tritt ein, spricht leicht und freundlich mit seinen Partnern, die schnell wechseln, sich unauffällig an ihn heranmachen. Keiner hat ein eigenes Gesicht. Der auf der Anlagenbank sitzende Jürgen sieht und fühlt nur sich, nur den seines Geistes und seiner Kraft und Macht bewußten Frackherrn-Jürgen, der höflich zuhört, knapp und freundlich antwortet.
Der andere Schwarzgekleidete schrumpft zusammen, drückt sich unbeachtet an der Seite umher. Der Mittelpunkt ist Jürgen. Denjenigen, die sich an ihn nicht heranwagen, geht er selbst entgegen, begrüßt sie liebenswürdig, nicht herablassend, nicht hochmütig. ‚Wer eine Leistung vollbracht hat, wer etwas leistet, ist nicht hochmütig, hat es ja auch nicht nötig, hochmütig zu sein.‘
Alle sprechen von ihm. Aller Blicke sind auf ihn gerichtet. Jürgen ist so sehr Mittelpunkt, daß er sich bemüht, weniger Mittelpunkt zu sein, das Interesse etwas auf den anderen Schwarzgekleideten abzulenken, wofür er verhaltenes Lächeln der Bewunderung erntet. Sein Wille, sein Geist wirken in allen, bestimmen Gedanken, Gefühle und Mienen aller Anwesenden.
Jürgen lehnte nicht mehr, entspannt, Augen geschlossen, in der Bankecke; gleichzeitig mit dem Eintritt des Frackherrn-Jürgen in den Saal hatte er sich aufgerichtet, war mit seinen Gefühlen in den Eingetretenen hineingeschlüpft. Seine Schultern und seine Hände, sein Gesicht hatten alle Bewegungen und das Mienenspiel des andern mitgemacht.
Er saß, alle Muskeln gespannt, vorgebeugt, starrte auf den grünen Bretterzaun, in den er das Bild seines Wunsches hineingesehen hatte. Und als er plötzlich nur noch den grünen Bretterzaun sah, strich seine Hand über die Augen und blieb, wie die der Tante, am Kinn haften.
‚Das also wünsche ich ... wünscht er: der Mensch in mir.‘