Er legte die Gabel, mit der er ein Stück Fleisch von der Platte hatte nehmen wollen, wieder zurück, wandte sich langsam um. „Du müßtest mich enterben, was?“

„So furchtbar schwer mir das auch fallen würde!“

„Und du glaubst, daß ich mich ... Glaubst du denn wirklich, daß ich mich mit so etwas bestechen lasse?“

Die Tante strich sich über die Augen, legte die Hand an das Kinn, sah weg. Und Jürgen drehte sich wieder um zum Tisch. So stehts denn doch noch nicht mit mir, dachte er. Und, plötzlich im Tiefsten betroffen: ‚Was war das? Was war das? Was?‘

„Ich sage dir nur, was mein Herz mir eingibt.“ Die Tante redete weiter. Er hörte nichts mehr. ‚Was war das? ... Wie also stehts denn mit mir?‘

So sitzt sie immer, wenn sie einem Plane nachhängt, dachte er auf der Straße. Er wußte nicht, wann und wie er die Villa verlassen hatte. ‚Wie ging ich denn weg? ... Was war das? Wie also stehts mit mir? ... Streicht sich mit der Hand erst über die Augen und dann bleiben ihre Fingerspitzen am Kinn haften. So macht sie es immer. Da sitzt dieses winzige, gelbgesichtige Persönchen im Lehnsessel und macht Pläne: über das morgige Mittagessen, oder ob sie ihr Vermögen, ihr sauer erworbenes, vergrößern kann, wenn sie dieses oder jenes Wertpapier kauft oder verkauft, oder über den Tag der nächsten großen Wäsche, oder über mein zukünftiges Leben. Wenn sie Schlitzaugen hätte, würde sie ganz so aussehen wie eine alte Chinesin.‘

Plötzlich blieb er stehen. ‚Alles das stimmt. Ist aber ganz unwichtig; wichtig ist, zu wissen, was eigentlich mit mir los ist ... Was will ich denn?‘ Die weiße, linealgerade Landstraße schoß wie ein Pfeil in den geheimnisvollen Horizont. ‚Das ist Unsinn. Das Fortlaufen ist Unsinn ... Aber das Gefühl, das hinter diesem Wunsche steht, ist kein Unsinn. Dieses Gefühl bin ... ich, ist der Mensch in mir, so wie er ist ... Wie er offenbar nun einmal ist!‘

Und dann geschah es, daß Jürgens Körper selbsttätig auf die Bank in der Anlage zuschritt, sich setzte. Und nun: Hände weg von allem! Alle Muskeln entspannt! Alles Denken und jede Selbstbeobachtung aufgegeben! Den Willen ausgeschaltet! Weg mit dem Bewußtsein! Der Mensch, er allein! soll sagen, was er will, dachte Jürgen noch und schloß, bereit, zur Kenntnis zu nehmen, was auch kommen möge, ganz entspannten Wesens die Lider.

Anfangs kam nichts. Knapp vor den Augen farbige Pünktchen im Grau. Er saß in der Mitte seines Lebens, in dem nichts war. Saß so still, so leblos, daß ein Vogel anflog, auf der Banklehne zwitschernd hüpfte, wieder abflog.

Menschen und Gesichtsausdrücke, Menschengruppen, eine Flußlandschaft: Lebensbilder, die vor langer Zeit Jürgens Gefühl getroffen hatten und deren Sinn ihm unerkennbar blieb, tauchten auf, schemenhaft, verblaßt, und versanken wieder. „Das ist nebensächlich“, flüsterte er einige Male.