Und stand um zwölf Uhr vor der Villa, die er vier Jahre nicht mehr gesehen hatte. Die Tante saß, in Decken gehüllt, im Lehnstuhl. Phinchens Gesicht, glücklich lächelnd, war tränennaß geworden beim Erblicken Jürgens.

Es sei, wie immer, die Brust, antwortete die Tante. Sie trug, wie immer, ihr schwarzseidenes Spitzenkopftuch, sah ganz unverändert aus. Bei dem linken Ohre beginnend, über Schläfe und Stirn, bis zum rechten Ohr, lagen, platt angedrückt wie immer, die mit der Brennschere sorgfältig gedrehten schwarzen zwölf Fragezeichen.

Erst in diesem Zimmer, wo der Fußboden so rein war wie der Vorhang und so funkelte wie die Fensterscheiben und die polierten Möbel, fühlte Jürgen, sitzend an dem einladend gedeckten Tisch, wie heruntergekommen er in seinem letzten Anzuge aussehen müsse.

Die Tante sprach nicht, fragte nicht. Und bemerkte alles. War entsetzt über Jürgens Aussehen. ‚Seine Manschetten sind ausgefranst, die Hemdbrust und der Kragen ungewaschen. Diese Stiefel! Die Absätze sind schiefgetreten bis zur Kappe.‘

Und ohne Überleitung, als ob sie, während Jürgen aß, an nichts anderes gedacht hätte: „Ich würde ... wir würden noch einen zweiten Stock aufsetzen lassen. Ihr würdet oben wohnen. Die Grundmauern der Villa sind stark.“

„Wer soll oben wohnen.“

„Wenn du heiraten würdest.“

Jürgen schüttelte den Kopf. ‚Es ist doch zu toll!‘ Antwortete nicht, aß weiter. Er saß mit dem Rücken zur Tante. Der Lehnstuhl stand am Fenster in der Sonne.

„Und wenn ich sterbe, könnt ihr unten Wohnzimmer, Eßzimmer und Salon haben, im Stock Empfangsräume, und oben schlafen ... Phinchen würde ja auch bei euch sein ... Und der Garten. Der schöne Garten!“

Phinchen versuchte, das Weinen zu verschlucken, heulte los und rannte mit der vollen Schüssel wieder hinaus. Es war still. Die Tante blickte Jürgens Rücken an, sah durchs Fenster auf den blühenden Magnolienbaum, wieder Jürgens Rücken an. „Aber wissen müßte ich, wem ich mein sauer erworbenes Vermögen hinterlasse. Denn so schwer es mir auch fallen würde ...“