An der Art des Nebeneinanderstehens erkannte Katharina, daß sie schon eine Gegnerin bekommen hatte, berührte mit der Zungenspitze nachdenklich ihre Lippen und ging weiter.

Immerzu sah sie die zwei vor dem Schaufenster stehen, sah Elisabeths zartgegliederte, weiße Hand auf Jürgens schwarzem Rücken liegen und dachte sich den deutenden Zeigefinger dazu. ‚Was sie ihm wohl gezeigt haben mag? Eine Puppe? Ein Schaukelpferd?‘

Die ganze Straße hinunter interessierte Katharina sich dafür, auf was wohl Elisabeth Jürgen aufmerksam gemacht habe, stellte sich die Gegenstände eines Spielwarenschaufensters vor. Erst als sie mit dem innern Blick plötzlich des Geliebten Gesicht sah, stellte sie sich der Hauptsache. Der schneidende Schmerz zwang sie, Hand auf dem Herzen, stehenzubleiben. ‚Und jetzt? Was ist jetzt? Soll ich ... soll ich kämpfen um ihn?‘

Aber das Bewußtsein, daß Jürgen ja nicht ihr, sondern sich selbst und seiner Hingabe entlaufen sei, und daß sie, was sie durch den Kampf um ihn gewönne, nur auf Kosten ihrer Hingabe gewinnen könne, stieß Katharina hinein in die graue Hoffnungslosigkeit.

Dennoch stand sie zur verabredeten Zeit an der Straßenecke, gepeinigt von dem Bewußtsein, daß sie, in ihrem persönlichen Leben nun so ganz und gar verarmt, noch die Gebende sein müsse. Denn der Fraueninstinkt sagte ihr, daß Jürgen nur deshalb für Elisabeth interessant und begehrenswert sei, weil er mit der als merkwürdig und unnahbar geltenden Katharina befreundet war. ‚Wenn sie seine Frau wird, hat er das mir zu verdanken. Wie entsetzlich!‘ Katharina fror bei diesem Gedanken.

Sorgfältig gekleidet, durch Bad, reine Wäsche und durch das Beisammensein mit Elisabeth erfrischt, schritt er, beherrschte Kraft in den Gliedern, lebensfroh dem verabredeten Orte zu, sah Katharina stehen, sah sekündlich den unüberschreitbaren Abgrund, den seine momentanen Gefühle zwischen ihm und Katharina aufrissen, blieb stehen, stand an dem Rande des Abgrundes, der nur gleichzeitig mit diesen neuen Gefühlen verschwinden konnte, die schon nicht mehr verschwinden konnten, tappte über den Rand des Abgrundes hinaus, stand und schritt auf Luft. Wildes, besinnungsloses Aufsiezustürzen kam in seinen Gang und falsche Wiedersehensfreude und gleichzeitig Scham in sein Gesicht.

Sie aber stand, ein Mensch, grau und wissend und bewußt, und nahm auf sich ihr Schicksal. So blickte sie ihn an.

„Wie die leben, die Bürger! Die, ah, die wissen schon, was sie wollen ... Aber was alles sie zusammenredet, die Tante, du machst dir keinen Begriff ... Für die ist alles höchst einfach.“

„Deine Tante will, daß es dir gut gehe; sie will, daß du Elisabeth Wagner heiratest.“ Sie horchte auf sein falsch-herzhaftes Lachen und fühlte: Wie weit, wie weit ist er schon weg.

„Wahrhaftig, du sagst es. Genau das will sie ... So ein Unsinn! ... Hab mich aber ganz gut mit ihr unterhalten. Sie ist nicht dumm, weißt du, und eigentlich gar nicht bürgerlich ... Ein liebenswürdiges Geschöpf.“