„Es haben zwei ne ganze Nacht zusammen in einem Bett verbracht – was ham se wohl gemacht?“
Da sah Jürgen einen Herrn in der Vorhalle eines großen Pariser Hotels stehen. Der Herr stürzt auf Elisabeth zu, sitzt mit ihr, beständig schwebend in einer Wolke von Lebenslust, im Theater, in Restaurants, Boulevard-Cafés, Kabaretts. Tritt in Elisabeths Schlafzimmer.
Abneigung erfaßt plötzlich den im Sessel lehnenden Jürgen gegen den Jürgen, der durch Paris und Rom schwirrt, sich um nichts kümmert, als nur um sich und seine Genüsse, im Schlafanzug in das Schlafzimmer Elisabeths tritt, heiter in der Hafenstadt ankommt.
„Er betäubt sich ... Widerlich! ... Wo kommt der hin, was wird aus dem, wenn er so weiter macht ... Das bin nicht ich. Das ist ein ganz anderer“, flüsterte der im Sessel Sitzende. „Sonderbar. Sonderbar.“
Bewußt wechselte Jürgen die Blickrichtung, sah durchs Fenster auf das glitzernde Meer hinaus, um den andern nicht mehr zu sehen. ‚Auch er ein vorgeschobener Posten! Das ist die Natur, das Tier, die Lebenskraft, die den treibt, die ... mich treibt, sie, die um der Fortpflanzung, der Arterhaltung willen, die Geschlechter zueinander treibt und, ihr Ziel zu erreichen, bereit ist, uns Menschen zu ausnahmslos jeder Schufterei zu veranlassen.‘
Elisabeth bewegte sich: ihre Hand fand im Schlafe durch das Morgenkleid durch zu der sich entblößenden Brust.
‚Und sie hat Erfolg, die Lebenskraft. Denn sie zahlt als letzten Preis dieses einzigartige Gefühl. Zahlt es Tieren und Menschen, Frauen und Männern, Katzen und Katern, Elisabeth und mir. Mögen die andern, die vielen, verrecken, sie kümmert sich um nichts. Der Mensch ist noch nicht da. Sie kann nicht warten, bis der Mensch da ist. Das ist die ganze Erklärung. Eine naturwissenschaftlich einwandfreie Erklärung!‘
Die Hotelglocke rief zum Mittagessen. Auf den Zehenspitzen schlich er über den Teppich, berührte sanft Elisabeths Schulter. Sie erwachte ohne jeden Schreck, schlug die Augen auf, so einfach, so klar. ‚Sie hat gar keine Untiefen in sich. Sie ist so, wie sie ist. Im Schlafen, wie im Erwachen und im Wachen.‘
Aber das ist noch viel sonderbarer. Wie seltsam! Das ist unheimlich, dachte der an der Tafel sitzende Jürgen, weil er jetzt auch den an der Tafel sitzenden, sich unterhaltenden, lachenden Jürgen beobachtete, scharf und genau beobachtete.
‚Wir sind also zwei. Ich sehe mir zu. Mir selbst! ... Aber das bin ja gar nicht ich. Ich sehe ja ... ihm zu. Bin ich, der zusieht, ich? Oder ist er ich?‘